2. Oktober 2015 | WÜMME-ZEITUNG

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Szenen einer Ehe

„Deutschland 5 Uhr 30“: Der Kölner Lichtbildner Dieter Röseler dokumentiert fotografisch 25 Jahre Einheit

Undine Zeidler 02.10.2015
Worpswede. Wir feiern Silberhochzeit! Alle zusammen! Für den einen war es die Traumhochzeit schlechthin, für andere eher eine Vernunftsehe, und ein paar weitere fühlten sich zwangsverheiratet, als am 3. Oktober 1990 in Berlin die Freiheitsglocke läutete und die Bundesfahne aufgezogen wurde.

Dieter Röseler zeigt in diesem Monat 25 Fotografien zu 25 Jahren Deutsche Einheit im Hotel Worpsweder Tor. Mit dabei auch dieses Motiv von der Insel Rügen. (Hans-Henning Hasselberg)

 

Ein ungleiches Paar trat da vor den Traualtar der Geschichte, BRD und DDR. 45 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vereinten sie sich wieder zu einem Land. Und wie das so ist im Leben: Dem Feuerwerk folgt der Alltag. Gleich einem Chronisten bereiste der Kölner Fotograf Dieter Röseler Orte dieser Ehe. Seine Ausstellung „Deutschland 5 Uhr 30“ versteht er als „fotografische Zwischenbilanz“. Er dokumentiert Stationen eines Zusammenlebens, die schönen und die hässlichen.

Vor 25 Jahren flanierten Hunderttausende durch die Berliner Oktobersonne und feierten die Deutsche Einheit. Der schwarze Block marschierte in Kreuzberg. Abends flogen auf dem Alexanderplatz Molotowcocktails. Wasserwerfer fuhren auf. Die Touristen fanden es aufregend, junge Berliner nicht minder. Trotzdem bleibt der heimliche Feiertag der befreiten Herzen der Tag des Mauerfalls, der 9. November 1989. Das macht es mit dieser Silberhochzeit irgendwie noch eigentümlicher. Ist das Land überhaupt so zusammengewachsen wie es sich gibt? Was macht diese vergangenen gemeinsamen Jahre aus? Wo will das Land hin?

Dieter Röseler spürte mit seiner Kamera diesen Fragen nach. Seine Motivauswahl gibt Denkanstöße. Dabei schlief der Kölner in der Badewanne als Tausende Ostberliner im November ’89 durch die engen Tore der Grenzübergänge nach Westen quollen. Er schlief, als der Kurfürstendamm von Trabants zugeknattert und zugenebelt wurde und „Wahnsinn“ das Wort der Nacht war. Elf Monate später, als in Berlin der sprichwörtliche Bär steppte, hatte er gerade die Gesellenprüfung gemacht und betreute Kunden auf der Kölner Messe Fotokina.

Das mit der Einheit hat der Kölner später doch noch hinbekommen. Er lebt in einer „gesamtdeutschen Partnerschaft“, wie er sagt. Seine Gefährtin wuchs auf der Insel Rügen auf. Und: „Ohne die Deutsche Einheit hätten wir uns nie kennengelernt.“ Seit sechs oder sieben Jahren geisterte ihm das Thema Einheit dann schon durch den Kopf. „Fotografisch fassbar“ wollte er sie machen. So richtig zufrieden war er mit seinen Ansätzen nicht. Das sollte sich ändern, als im vergangenen Jahr an dem Gemeinschaftsprojekt „Chargesheimer Reloaded“ teilnahm und seine Bilder in das gleichnamige Buch aufgenommen wurden.

[…] Carl Heinz Hargesheimer, der seinen Namen zusammenzog, hat mit seiner letzten Arbeit „Köln 5 Uhr 30“ vor seinem Tod um die Jahreswende 1971/72 die Blickrichtung vorgegeben, mit der Röseler heute auf das ganz Land blickt: schwarz-weiße Hochformate, aufgenommen mit einer feste Brennweite – und vor allem kein Mensch weit und breit.

Das Werk gilt als kritische Bestandsaufnahme Kölns zu Beginn der 70er-Jahre, „eine melancholischen Abgesang an seine Stadt, die im Beton zu erstarren drohte“, wie es der Katalog zu einer großen Chargesheimer-Retrospektive im Museum Ludwig 2007 formulierte. Als Röseler im vergangen Jahr die Bilder wieder sah, machte es bei ihm noch einmal „Klick“: „Nächstes Jahr ist Silberhochzeit“, sagte er sich und überlegte, diesen Ansatz „hochzubrechen“. Warum sollte nicht für ein Land funktionieren, was in Köln ging.

Stilistisch bleibt der Lichtbildner Röseler seinem Vorbild Chargesheimer treu. Die Uhrzeit 5.30 Uhr versteht er wie dieser eher metaphorisch als die „Niemandszeit zwischen Tag und Nacht“. Eine Zeit, zu der Berlin am 3. Oktober 1990 eine kurze kalte Nacht lang schlief zwischen Freudentaumel und Feuerwerk um Mitternacht und Einheitsfeier am Tag.

Inhaltlich geht Röseler über das Städtebauliche Chargesheimers hinaus. Für jedes Jahr der gesamtdeutschen Geschichte wählte er einen symbolträchtigen Ort aus. Sie spiegeln zugleich das Ringen eines Mannes mit der eigenen Haltung. Spätestens seit dem Fußball-Sommermärchen 2006 wäre er gerne Patriot und zugleich echauffiert er sich über selbstgefällige, arrogante Politiker im Umgang mit Griechenland, über den „moralischen Niedergang der politischen Klassen überhaupt“, über Landesverratsvorwürfe gegen Journalisten oder, dass es Obdachlosenlager geben muss. 260 Aufnahmen hat Röseler bereits zusammengetragen. Fünf Bundesländer stehen noch aus.

Einige Motive wirken atemberaubend, schön oder gar verträumt, wie der Kölner Dom, Schloss Neuschwanstein oder das Bergische Land im „fetten“ Morgennebel mit Sonne. „Kein schöner Land in dieser Zeit“, summte da in seinem Kopf. Ein Lied, das auf beiden Seiten der Mauer gesungen wurde. So zeigt sich Deutschland gerne seinen Besuchern.

Andere Ortsnamen stehen für die andere Seite dieses geeinten Deutschlands: Rostock-Lichtenhagen, das Sonnenblumenhaus. Im August 1992 bewarf ein Mob vier Tage lang die Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für Vietnamesen. Tausende Schaulustige johlten und klatschten Beifall. Selbst in Ägypten kam man als Deutscher da in Erklärungsnot. Oder Bad Kleinen. 1993 erlebte der verschlafene Bahnhof in Mecklenburg-Vorpommern, wie 98 GSG-9-Leute zwei RAF-Terroristen schnappten. Oder Solingen. Dort zeigt Röseler die Baulücke, „wo bis 1993 das Haus der türkischen Familie Genç stand“.

Ein anderer Schmerzort soll in Röselers Projekt nicht fehlen: Heidenau. Zu DDR-Zeiten ein grauer Industrieort. Fabrik an Fabrik. In ihnen arbeiteten neben Sachsen Gastarbeiter aus Vietnam, Angola oder Algerien. „Fidschis“ und „Alis“ hießen sie. Gruselgeschichten über Messerstechereien raunten sich die Leute zu. Und trotzdem, wer im Mangelland DDR eine schicke Jeans haben wollte, ging in eines der Wohnheime und ließ sich von Vietnamesen für wenig Geld eine nähen. Nach der Wiedervereinigung verschwanden die Fabriken, die meisten der Arbeitsmigranten auch.

Dieter Röseler zeichnet das Bild eines Landes im Wandel. Neben der Ausstellung in Worpswede und einer zeitgleichen Parallelausstellung in Köln soll daraus ein Buch werden. Jeweils mit einem Zitat versehen hat dieses Projekt das Zeug zu einem fotografischen Geschichtsbuch und zu einem Silberhochzeits-Fazit. Nach elf Reisemonaten resümiert Röseler: „Ja, es ist ein Land, aber es wird noch sehr viel länger dauern, bis zusammengewachsen ist, was zusammen gehört“, wie es Willy Brandt im November 1989 beschwor. Für seine Generation sieht der 1966 geborene Dieter Röseler dieses Ziel noch nicht erreicht. Eines dürfte ihm mit seiner Fototour hingegen allemal gelungen sein. Er hat mehr Orte in Deutschland bereist, als der gewöhnliche Bundesbürger es wohl tut. Die Ostler zog es nach der Wende zuhauf in die Welt hinaus. Das lang ersehnte und für immer unerreichbar geglaubte Ägypten lag 1990 einfach viel näher als Neuschwanstein – und das ist bis heute so.

Die Foto-Ausstellung „Deutschland 5.30 Uhr“ von Dieter Röseler ist im Hotel Worpsweder Tor, Findorffstraße 3 in Worpswede, noch bis zum 31. Oktober zu sehen. Zeitgleich zeigt die Galerie Lichtblick, Steinberger Straße 21 in Köln, unter demselben Titel eine zweite Auswahl von jeweils 25 Fotografien. Abzüge sämtlicher Motive beider Ausstellungen sind über die Galerie zu bestellen, Preis pro Blatt: 400 Euro.

Zahlreiche Hintergrundinformationen zu diesem Projekt und dem Künstler bietet zudem die Internet-Präsenz dieter-roeseler.com/deutschland-5uhr30. Dort gibt es auch Adressen, um mit Dieter Röseler direkt in Kontakt zu treten.

Quelle: WÜMME-ZEITUNG

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