15. November 2018: „Es kommt auf Substanz an.“

So erklärt Vizekanzler Olaf Scholz die enorme Popularität von Helmut Schmidt.

Als Ergebnis einer bundesweiten Umfrage wurde der zweite sozialdemokratische Kanzler der Bonner Republik 2012 zum größten Vorbild der Deutschen erklärt. Anläßlich Schmidts 100-jährigem Geburtstag am 23. Dezember eröffnet der Bundesfinanzminister  an der Seite der Künstlerischen Leiterin des Freundeskreises, Gisela Kayser, im Willy-Brandt-Haus heute die Ausstellung „Helmut Schmidt: Hanseat – Staatsmann – Weltbürger“.

 

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11. November 2018: „Gläbbich alaaf!“ – oder: „Danke Monsieur de Gaulle!“?

Alljährlich beginnt bei uns im Rheinland am 11. November um 11Uhr11 die fünfte Jahreszeit – der Karneval: In den Straßen und Kneipen der Region herrscht der gleiche Ausnahmezustand wie an Weiberfastnacht und/oder Rosenmontag.

Dieser an und für sich sehr, sehr schöne Brauch ist überaus dominant. Und läßt nur sehr wenig – an und für sich gar nichts – neben sich bestehen.

So mußte ich 49 Jahre alt werden und im Süden Frankreichs – dem Midi – überwintern, um lernen und erleben zu können, dass bei unseren westlichen Nachbarn der 11. November ebenfalls gefeiert wird. Anders zwar – deutlich anders sogar –, aber nicht minder intensiv.

L‘Armistice de Rethondes

Gefallenendenkmal im südfranzösischen Puyricard – dem nördlichsten sehr dörflichen Viertel von Aix-en-Provençe

In der Wichtigkeit aller französischen Feiertage rangiert der 11. November direkt unterhalb des 14. Juli – es ist der zweitwichtigste im Lande. Noch im kleinsten Dorf versammelt sich die Bevölkerung kurz vor 11 um das Gefallenen-Denkmal unter der Trikolore. Die Veteranen legen in vollem Ornat Kränze nieder und alle GrundschülerInnen haben vor Aufregung schweißnasse Hände.

Wenn die Punkt 11 in Erinnerung an die Unterzeichnung des ersten Waffenstillstandsabkommens von Compiègne läutenden Glocken verstummen, ist der große Augenblick gekommen, an dem sie endlich voller Inbrunst die Marseillaise im Chor intonieren dürfen.

Fête de l’Armistice am 11. November 2015 in Puyricard

Ich kann nicht ermessen, ob ich die letzten 51 Jahre einfach zu sehr auf den Sessions-Auftakt fokussiert war oder ob die „Armistice“-Feierlichkeiten unserer französischen Freunde in Jahren ohne rundes Jubiläum keinerlei Nachrichtenwert für die bundesdeutschen Leitmedien haben. Umso mehr berührt mich Emmanuel Macrons Einladung an unsere Bundeskanzlerin. Ebenso die gestrige ausführliche Berichterstattung in Tagesschau und Tagesthemen. Und die große stille Geste der Versöhnung – auch wenn Angela Merkel sie vor drei Jahren fast deckungsgleich an der Seite von François Hollande gab.

Neue Heimat

Die Schwert-Spitze des Gefallenendenkmals auf dem Deutschen Platz

Nun begab es sich vor drei Tagen, dass ich als Neu-Bensberger bei meinem Spaziergang vom Café Amélie zurück ins Unterdorf erstmals meine Schritte auf diesen kleinen Platz links lenkte, dessen Name mich schon länger seltsam berührt: „Deutscher Platz“ fühlt sich für mich deutlich aus der Zeit gefallen an. Dass das Kreuz auf der Spitze des den Platz beherrschenden Denkmals gar kein christliches ist, sondern die Silhouette eines martialischen Schwertes, befremdet mich. Die starre Mimik der vier stahlhelmbewehrten Steinfratzen auf dem dritten Segment über dem Wehrmachtskreuz und der Inschrift „Treue um Treue“ löst ein Gefühl der Scham und Bestürzung in mir aus.

Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Gefallenendenkmal mit Inschrift „TREUE UM TREUE“ auf dem Deutschen Platz inBensberg

Ist es aber. Leider. Recht zügig lässt sich dank Internet recherchieren, dass der Platz diesen Namen seit 1945 trägt. Die zwölf Jahre davor war’s der „Adolf-Hitler-Platz“. Geboren wurde er während der Weimarer Republik allerdings als „Friedensplatz“. Seinerzeit übrigens noch ohne das martialisch-revanchistische Gefallenendenkmal. In diesem Zusammenhang halte ich es auch für bemerkenswert, dass die Verantwortlichen in meiner Neuen Heimat es offenbar erst Ende der 80er Jahre über’s Herz gebracht haben, die Ehrenbürgerwürde für Adolf Hitler zu annullieren, wie Gisbert Franken am 17. Februar 2013 in der Bergischen Landesleitung schreibt.

Stephanie Peine schreibt nun in Bezug auf das Gefallenendenkmal am 27. Februar diesen Jahres im Kölner Stadtanzeiger:

Als Vorbild könnte die französische Partnerstadt Bourgoin-Jallieu dienen […]. Hier hatte man, in einer auch für Frankreich recht außergewöhnlichen und nicht unumstrittenen Aktion, die örtlichen Kriegerdenkmäler abgebaut und die Materialien vom Bildhauer Gilbert Primard in die Gesamtanlage eines Friedensdenkmals, das Memorial de la Paix, einarbeiten lassen. Im Mittelpunkt steht jetzt eine vier Meter hohe Friedenstaube auf einer Weltkugel. Friedenstaube contra Schwert, das könnte auch ein Arbeitstitel für Bensberg sein.

Dem schließe ich mich an. Vorbehaltlos.

Danke.

Und ich bedanke mich bei Charles de Gaulle, der als sich erst wenige Wochen im Amt befindender französischer Ministerpräsident die menschliche Größe und den politischen Instinkt hatte, den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer am 14. September 1958 in sein privates Landhaus nach Colombey-les-deux-Églises einzuladen. Eine Ehre, die weder davor noch danach irgendeinem anderen Politiker zuteil wurde. Damit hat er den Grundstein für die Aussöhnung und den seither lang anhaltenden Frieden in Westeuropa gelegt.

Es wäre nicht nur schön, wenn aus den Bensberger Kriegerdenkmälern nach französischem Vorbild Friedensdenkmäler entstünden. Zeitgemäß wäre auch, dass der „Deutsche Platz“ wieder seinen ursprünglichen Namen bekommt: „Friedensplatz“. Oder wenigstens „Deutsch-Französischer Platz“.

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