22. Juli 2019: #metoo am Potsdamer Heiligen See?

Ein gutes Jahr, bevor der Hashtag #metoo im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen des US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein weltweites Aufsehen erregte, sah sich der Vorstand des Axel-Springer-Verlags mit ähnlichen Vorwürfen gegen Kai Diekmann (langjähriger Chefredakteur und damals amtierender Herausgeber des Springer-Boulevardblatts Bild) konfrontiert. Wegen eines Vorfalls, der sich heute vor drei Jahren am Rande einer Klausurtagung zugetragen haben soll:

2016 | Villa Diekmann — Exzerpt von „Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“

„Der angebliche Tat-Zeitpunkt war der späte Abend des 22. Juli 2016. An diesem Tag fand rund um den privaten Wohnsitz Diekmanns der gesellschaftliche Ausklang der jährlichen Klausurtagung der Bild-Gruppe statt. Etliche Teilnehmer nutzten diesen Anlass zu einem sommerlichen Bad im Potsdamer See. Was dabei zwischen dem Bild-Herausgeber und der Springer-Angestellten kurz vor Mitternacht geschah, ist völlig unklar. Sicher ist nur, dass die Frau Vorwürfe der sexuellen Belästigung durch den Chef der roten Gruppe erhebt und bis heute daran festhält.“ (Quelle: meedia: https://meedia.de/2017/01/06/kai-diekmann-und-der-sex-vorwurf-mit-bild-im-fahrstuhl-nach-oben-mit-dem-spiegel-wieder-nach-unten/)

Anders als im Fall Kachelmann berichtete die Bild nun nicht von vorderster Front. Ebenfalls in scharfem Kontrast zu ihren Kollegen, die wenige Jahre zuvor gegen den durchs Fernsehen bekannt gewordenen Meteorologen ermittelten, agierte die seit Herbst 2016 im Fall Diekmann ermittelnde Staatsanwaltschaft Potsdam deutlich weniger publikumswirksam. Mutmaßlich, um einer öffentlichen Vorverurteilung des Beschuldigten keinerlei Vorschub zu leisten.

Es wurde schließlich nicht einmal Anklage gegen den Mann erhoben, der während der Wulff-Affäre wenig skrupulös den Bundespräsidenten durch das Lancieren einer Mailbox-Sprachnachricht öffentlich diskreditierte – und damit die Vertraulichkeit des Wortes verletzte:

Es habe sich kein hinreichender Tatverdacht ermitteln lassen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. „Denn hinsichtlich der Feststellung der tatsächlichen Geschehnisse im Sommer 2016 stehen sich im Ergebnis allein die Einlassung des Beschuldigten und die Bekundungen der Zeugin diametral gegenüber.“ Dabei seien die Angaben des Beschuldigten nicht weniger wahrscheinlich als die Angaben der Frau. Objektive Beweismittel gebe es nicht.“, meldet der Spiegel ein Jahr später am 2. August 2017 (https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kai-diekmann-staatsanwaltschaft-stellt-ermittlungen-ein-a-1161029.html).

Ob diese Einstellung des Verfahrens den tatsächlichen Geschehnissen des späten Abends des 22. Juli 2016 gerecht wurde, wissen nur die beiden Beteiligten…

Der Rechtsstaat aber hat nach wenig rühmlichen Eskapaden im Fall Kachelmann Boden gut gemacht, denn auch noch für den skrupellosesten aller Blattmacher hat der Rechtsgrundsatz zu gelten: „In dubio pro reo.“


©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.