4. Juni 2019: Das Sommer-Theater

Alle für Einen – Einer für Alle

Manuela Schwesig als Athosia

Die Genderifizierung in der Hauptstadt macht auch vor Klassikern nicht Halt: Im politischen Sommertheater wurde gestern eine Aufführung in mehreren Aufzügen des vor 175 Jahren veröffentlichten Mantel-und-Degen-Romans von Alexandre Dumas dem Älteren annonciert – mit sage und schreibe drei weiblichen Musketierinnen.

Athosia, dargestellt von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, Porthine (MP-Kollegin Malu Dreyer) und Annegret Kramp-Karrenbauer als Aramia interpretieren die Romanfiguren eigenwillig und neu. Mit bescheiden-femininem Pathos. Sie lesen während der beiden Generalproben im Konrad-Adenauer- und im Willy-Brandt-Haus noch große Textpassagen aus dem Drehbuch ab, was ein wenig hölzern anmutet. Auch ihre Spielfreude wirkt seltsam gebremst.

Annegret Kramp-Karrenbauer in der Rolle der Aramia

Der Gascogner d’Artagnan wird auch heuer noch von einem Mann, dem Hessen Thorsten Schäfer-Gümbel, gegeben. Er war es auch, der am Tag nach dem Thronverzicht von MiLady de Nahles die titelgebende Losung ausgab.

Planmäßig wird dieses Stück in mehreren Episoden nach dem Echtzeit-Konzept der amerikanischen TV-Serie „24“ aufgeführt: die Premiere ist für den 24. Juni annonciert – der letzte Akt wird voraussichtlich am Folgetag der Landtagswahlen von Thüringen zur Aufführung gebracht werden.

Szenenlichtbildwerke der Generalproben können ab sofort über laif lizenziert werden.

Das Willy-Brandt-Denkmal von Maler und Bildhauer Rainer Fetting

©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

2. Juni 2019: Flaute.

Der Himmel verdüstert sich über der CDU-Parteizentrale

Tag 7 nach der für die ehemaligen Volksparteien SPD und CDU desaströsen Europawahl – in der jüngsten Sonntagsfrage liegen die Grünen mit 29% nun 2 Prozentpunkte vor der CDU und sind damit die stärkste bundespolitische Kraft.

Nach ihren Gedanken zur Regulierung des Internets in Zeiten des Wahlkampfs wird damit die Luft für die erst seit knapp sechs Monaten amtierende CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zusehends dünner.

Da fügt sich ins Bild, dass die Parteifahne auf dem Dach des Konrad-Adenauer-Hauses heute mittag sehr müde an ihrem Mast herunterhängt.

Vielsagendes Detail am Rande: Bei strahlendstem Sonnenschein und 24° Celsius in der Hauptstadt generiert die moderne CDU-Zentrale ausweislich der digitalen Anzeigetafel im Foyer heute 0,0 Kilowattstunden Strom aus Solarkraft und spart damit NullKommaNull Gramm CO2 ein. Ob da jemand immer noch nicht den Schuss gehört hat?! Vielleicht legt ja heute Abend ein gnädiges Präsidiums- und/oder Vorstandsmitglied zu Beginn der Klausurtagung einfach mal den Schalter um?! Wir werden sehen.

26. Mai 2019 – 16Uhr20: Wahlprognose

Vergleicht man die Zahlen der letzten Sonntagsfrage mit dem Wahlergebnis 2004, fällt auf, dass die ehemaligen Volksparteien der Union und die SPD seither nahezu einem gesamten Drittel ihrer einstigen Wählerschaft verlustig gegangen sind. Nachhaltig.

Geht man dazu über, die aktuelle Sonntagsfrage mit jener vom 25. Oktober des Vorjahres zu vergleichen, ist zu vermelden, dass die Parteien der jeweiligen Ränder in den letzten sieben Monaten fast ein Viertel an Zuspruch und Rückhalt verloren haben.

Im gleichen Zeitraum haben die sogenannten „Sonstigen“ um weit über 300 Prozent zugelegt.

Der Zeitraum der Befragungen für die aktuelle Sonntagsfrage erstreckte sich über eine gesamte Woche und endete Donnerstag. Nur sehr kurz, nachdem die Wahlkampf-StrategInnen der Union aus ihrer tagelangen Schock-Starre erwachten und das private Wahlkampf-Video des YouTubers Rezo zunächst diskreditierten, dann „den ältesten 26-Jährigen der Welt“ vor die hauseigenen Kameras der Unionszentrale zitierten, nur um das fertig produzierte Video schließlich von AKK kassieren und in der Versenkung verschwinden zu lassen. Noch bevor es das Licht der Öffentlichkeit erblicken durfte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Rezos Kampfansage „nur“ 5 Millionen Aufrufe. Jetzt, gute eineinhalb Stunden vor Schließung der Wahl-Lokale sind es bereits 11.219.474 (in Worten: Elf Millionen zweihundertneunzehntausendvierhundertundvierundsiebzig). Hinzu kommen 2.819.697 Aufrufe des Statements von 90+ YouTuberinnen, das postwendend vor zwei Tagen veröffentlicht worden ist.

Wetten, dass die Wahlbeteiligung bei den 18- bis 29-Jährigen heute so hoch wie noch nie sein wird? Und: wetten, dass die „Sonstigen“ noch ein paar Bonus-Prozente mehr dank dieses mehr oder weniger weitsichtigen Unions-Krisenmanagements abgreifen werden?!

9. Mai 2019: Besonders empfindlich

Neue Kammerspiele Kleinmachnow: Katrin Göring-Eckardt steht Rede und Antwort

Die als „Gespräch mit Kulturschaffenden aus Kleinmachnow“ angekündigte öffentliche Podiumsdiskussion im Kleinen Saal der altehrwürdigen kulturellen Institution im südwestlichen Speckgürtel Berlins zieht am gestrigen Abend des 74. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands weite Kreise.

Während im Großen Saal – zur Feier der Befreiung bei freiem Eintritt – der große Bruno Ganz Adolf Hitler in „Der Untergang“ gibt, plaudert der realpolitisch-wertkonservative große Bindestrich der Bündnisgrünen unter der Moderation von Alexandra Pichl im Gespräch mit den drei Kleinmachnower Kulturschaffenden Rainer Ehrt, Christiane Heinke und Carolin Huder aus dem Nähkästchen. Direkt nach der Vorstellungsrunde geht die langjährige kulturpolitische Sprecherin ihrer Partei in globalpolitische medias res:

Katrin Göring-Eckardt

„Wenn wir uns anschauen, was in China gerade passiert – wir haben in Potsdam letzte Woche Fraktionsklausur gehabt und haben uns mit China beschäftigt … und ich weiß nicht, ob ich da als Ossi so besonders empfindlich bin, aber wenn man „social screening“ kriegt, wenn man Punkte für Wohlverhalten kriegt, und wenn der Staat sich diese Punkte anguckt, und dann überlegt, in welcher Art und Weise man eigentlich drankommt bei der Wohnungssuche, beim Arzt oder bei irgendwas… , dann muß ich sagen: „Da wird mir wirklich ganz anders.“ „

Es schließt sich ein nachdenklicher Blick auf Europa an:

Wir woll’n Dich hier nicht mehr! Bitte such‘ Dir doch mal ’nen anderen Job. Du bist zu liberal – Du bist uns zu freiheitlich. Du bist uns zu offendenkend. Das woll’n wir nicht mehr haben.“, zitiert die in Thüringen aufgewachsene Tochter eines Tanzlehrerehepaars einen nicht näher benannten österreichischen Regierungsvertreter, um mit der rhetorischen Frage zu schließen:

„Wo leben wir hier eigentlich?“

In einem Land, führt Carolin Huder (geschäftsführende Vorständin der Neuen Kammerspiele) aus, in dem allein schon der Antrag auf eine Kulturprojekt-Förderung nach dem europäischen Erasmus-Programm 81 (in Worten: einundachtzig) Seiten umfasst.

Carolin Huder im Podcast-Gespräch mit Dieter Röseler

Weitere wirklichkeitsfremde Narreteien aus der europäischen, bundes- und landespolitischen Kulturpolitik gibt Caro ab dem 12. Juli in der 16. Episode von „Die Besten …“ preis. Für jedermann. Staaaaay tuuuuuned!

7. Januar 2019: „Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit.“

Zum 40sten Geburtstag von Christian Lindner

Der passionierte Porsche-Pilot startet durch. Zum Jahresbeginn geht der FDP-Parteichef in die Medien-Offensive:

  1. Am Samstag zitiert der „Spiegel“ ihn mit den Worten: „Also, wenn Frau Kramp-Karrenbauer und Herr Habeck auf uns zukommen, dann laufen wir nicht weg – aber wir laufen denen auch nicht hinterher.
  2. Gestern sendet die „Tagesschau“ zur besten Sendezeit die Losung, die er auf dem traditionellen Dreikönigstreffen seiner Partei in der Stuttgarter Oper ausgibt: „Wer uns ein faires Angebot zur Erneuerung des Landes macht, der kann zu jeder Zeit damit rechnen, dass wir bereit sind, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen, meine Damen und Herren.
  3. Und heute an seinem vierten runden Geburtstag spricht er Klartext im Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“:
Christian Lindner in seinem Fraktionsvorsitzenden-Büro im Deutschen Bundestag

„Wir sind in einer neuen Zeit.“

Das großzügige Eckbüro des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag hat mit seiner Nordwest-Ausrichtung zwar keine Morgensonne, aber einen direkten und unverbaubaren Blick auf die nur 20 Meter entfernte Südost-Ecke des Reichstagsgebäudes. Beherrscht wird es optisch durch zwei mächtige, gekreuzte Fahnen: die Bundes- und die Europaflagge.

Auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch liegt nur die dunkle Ledermappe mit dem blindgeprägten Siegel des US-amerikanischen Senats, die er von einer Washington-Reise mitgebracht hat. So aufgeräumt wie sein Arbeitsumfeld wirkt auch der im rheinisch-bergischen Wermelskirchen aufgewachsene Vollblut-Politiker selber während des intimen Vier-Augen-Gesprächs. Nicht ohne Genugtuung nimmt Lindner, erklärter BVB-Fan und auf der letzten Mitgliederversammlung in den Wirtschaftsrat des Bundesligisten berufen, den in den Lauf gespielten rhetorischen Ball elegant an und fasst zusammen, was CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in Reinhold Beckmanns Mikrofon sprach:

Dobrindt hat gesagt, Frau Merkel hat den Grünen alle möglichen Brücken gebaut und Kompromisse angeboten, der FDP nicht. Und er habe damals gewarnt, die FDP müsse auch etwas haben, sonst tritt sie nicht in eine Regierung ein. Und vorher wurde ja immer gesagt, eine Einigung war zum Greifen nah. Und jetzt hat mal einer die tatsächliche Situation dargestellt. Das finde ich gut, zeigt aber eins: wir sind in einer neuen Zeit. Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit. Und Leute, die nach vorne schauen, wie der Kollege Alexander Dobrindt, die denken schon wieder an die nächsten Situationen.

Damit hat Dobrindt nicht mehr getan, als den Schwarzen Peter für das Scheitern der 2017er Jamaika-Sondierungsgespräche von der FDP an Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterzureichen. Allerdings auch nicht weniger.

„Ich war extrem schwer und fett.“

So lange ersehnt die Absolution des Alexander Dobrindt auch für das Geburtstagskind gewesen sein mag – im heutigen Gespräch spielen dessen beruflich-politischen Ambitionen nur eine Nebenrolle. Im Gespräch mit Dieter Röseler erhält das Private eine größere Gewichtung, wenngleich die Haltung eines Berufspolitikers zur Titelfrage durchaus auch von professionellen Aspekten geprägt sein dürfte.

Auf Augenhöhe mit Siegesgöttin Victoria: Blick vom Reichstag auf Christian Lindners Büro, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor im Hintergrund

Aber was der laut VRdS (Verband der Redenschreiber deutscher Sprache) beste Redner im Bundestagswahlkampf 2017 auf die Frage antwortet, ob er im Zweifel dem Fußball oder seiner Partnerin den Vorzug gebe, wie es um seine Work-Life-Balance bestellt ist, warum man ein Herz für Hasen haben müsse, ob er sich als Womanizer oder Frauenversteher sieht und wie es sich anfühlt, „Posterboy“ oder „Bambi“ genannt zu werden, erlaubt durchaus Einblicke in die Seele des bald schon zweitdienstältesten Chefs einer im Bundestag vertretenen Partei. Ebenso die reflektierte Haltung zu seiner Kindheits-Adipositas.

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Christian. Lass Dich angemessen – also ordentlich – feiern!


©2018 für die Bildbeiträge: Dieter Röseler | ©2019 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

18. Dezember 2018: Slow Life

In einer Woche ist Weihnachten. Ein rasantes Jahr läuft mit Riesenschritten auf sein Ende zu. Wenig ist im bundesdeutschen Alltag 2019 zu spüren von den Tugenden, die sich seit alters her mit der Adventszeit verbinden: Innehalten, Rückschauen, Reflektieren.

verdi nutzt diese Woche für einen Arbeitskampf gegen den reichsten Mann der Welt, AKKs Aufgabe, die innerparteilichen Gräben zügig zuzuschütten, ist – zumindest in ihrer subjektiven Wahrnehmung – so heikel, dass sie erstmal gar keine Pressekonferenz nach Präsidiumssitzungen duldet und der Einzelhandel sucht erneut händeringend nach Konzepten, wie sich dem stetigen Kleinerwerden seines Kuchenstücks vom Weihnachtsgeschäft Einhalt gebieten lassen könnte.

Wer beruflich die Adventszeit gelassen sehen kann, macht sich das Leben schwer und schwerer mit der Jagd nach möglichst individuellen Geschenken für seine Nahen. 

Dass die Zeit rennt, wußten schon die alten Römer und deren Philosophen. Die Geschwindigkeit, die den Menschen heute in der Ersten Welt unisono abverlangt und vorgelebt wird, ist atemberaubend. Ungesund. Manchmal sogar im wortwörtlichen Sinne. Davon kann mein alter Freund Erik ein langes leidvolles Lied singen. Und er tut es auch.

Seit zwei Jahren nun lässt der erfolgreiche Jurist nach schwerer Erkrankung seine anwaltliche Zulassung ruhen, entschleunigt und widmet sich gemeinsam mit drei langjährigen Weggefährten seiner großen Leidenschaft: der Musik.

Als UNDER ONE SKY haben die vier 2017 ihr erstes Album „Peace Of Mind“ vorgestellt und an einem heißen Hochsommertag im August diesen Jahres hat Erik mich bei einem vorzüglichen Caffe Latte dazu inspiriert, dem Entschleunigen auch in meinem beruflichen Alltag einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Eines der Resultate dieser Neuausrichtung ist mein Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten“, der am 1. Januar 2019 mit einem nabelschauenden Selbstgespräch startet, bevor am 7. Januar dann Christian Lindner aus seinem reichhaltig gefüllten Nähkästchen plaudern wird. Der Christian Lindner, der seinerzeit der jüngste Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag war; der Christian Lindner, der genau 5 Jahre vor AKK den Vorsitz seiner am Boden liegenden Partei übernommen hat; der Christian Lindner, der im November 2017 mit seinem „Nein“ die ersten Jamaika-Sondierungen auf Bundesebene hat platzen lassen.

Christian Lindner im Büro des Fraktionsvorsitzenden der FDP im Deutschen Bundestag

Der Christian Lindner, der am 7. Januar 2019 seinen 40sten Geburtstag feiert.


©2018 für Wort- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

8. Dezember 2018: „Es war mir eine Ehre.“

Mit diesen Worten beendete Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Hamburg ihre über 18 lange Jahre währende Regentschaft als Bundesvorsitzende der CDU.

In ihrer Abschiedsrede ist Raum für Demut. Für Dankbarkeit und sogar für augenzwinkernden Humor. Vor allem aber für Würde.

Dies ist eine weitere ihrer zumindest in diesem Jahrtausend singulären – und hoffentlich stilbildenden – Leistungen: der (gerade noch) rechtzeitige Rückzug in Würde aus einem hohen politischen Amt. 

Genauso viel Respekt nötigt mir ab, dass sie alles in ihrer Macht Stehende unternommen hat, die Frage ihrer Nachfolge dazu zu nutzen, innerhalb ihrer Partei mehr Demokratie zu wagen, um einen sozialdemokratischen Claim aus den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts zu bemühen.

Dass sich mindestens zwei der drei Bewerber um den Parteivorsitz während ihrer gemeinsamen Regionalkonferenzen-Ochsentour durch die Republik „fast wie eine Rockband“ fühlten, spricht zwar nicht gerade dafür, dass diese mit den Usancen im Musikantengewerbe vertraut sind, lässt jedoch im Umkehrschluss die Hoffnung auf eine gesunde Selbstironie der Protagonisten aufkeimen.

Der Foto-Finish im zweiten Wahlgang von 51,75% Zustimmung für Merkels Mädchen AKK verdeutlicht, dass es keine klare Linie innerhalb der Union gibt. Die Freunde des Bewahrens haben nur eine hauchdünne Mehrheit vor jenen des Neuanfangs. Friedrich Merz verzichtete darauf, sich allzu sehr einbinden zu lassen. Er schaut sich die weiteren Entwicklungen vorerst lieber vom Spielfeldrand aus an.

Wenn AKK bei den nächsten Wahlen nicht umgehend liefern kann, bleibt er dort – und nur dort – möglichst unbeschädigt. Seine Nehmerqualitäten auf dem bundespolitischen Parkett waren nie sonderlich ausgeprägt.

Es bleibt – Vorsicht: BILLIGER Kalauer – spahnend.

©2007+2018 für Text- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

7. Dezember 2018: „Wir sind in einer neuen Zeit.“

So erklärt sich Christian Lindner – heute auf den Tag genau seit 5 Jahren Bundesvorsitzender der FDP – die Generalamnestie, die Alexander Dobrindt ihm in einem Gespräch mit Reinhold Beckmann ausgestellt hat. Für seinen öffentlich und auch parteiintern sehr kontrovers kommentierten Entschluss, am 19. November 2017 die Sondierungen über eine erste Jamaika-Koalition auf Bundesebene abzubrechen. Der seinerzeitige CSU-Unterhändler äußert großes Verständnis für die Entscheidung der FDP-Spitze und lastet das Scheitern der Sondierungen vollumfänglich der Vorsitzenden seiner Schwesterpartei, Angela Merkel, an. 

Die Dokumentation „Lindner und die FDP – Aufbruch ins Abseits?“ wird am Abend nach der für die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD desaströsen Hessenwahl erstmals in der ARD ausgestrahlt. Am gleichen Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel völlig überraschend erklärt, heute nicht mehr für den Bundesvorsitz der CDU kandidieren zu wollen und damit selbst das Ende ihrer Ära einläutet. Eine bemerkenswerte zeitliche Koinzidenz.

„Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr – das ist vollendete Vergangenheit.“

So führt Christian Lindner seine Analyse fort in dem Gespräch, das wir Ende November in seinem geräumigen Fraktionsvorsitzenden-Eckbüro mit Blick auf die Südost-Ecke des Reichstagsgebäudes führen.

Wenn Horst Seehofer wie geplant seinen Parteivorsitz am 19. Januar 2019 abgegeben haben wird, ist Christian Lindner der zweitdienstälteste Vorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei. Ein alter Hase. Trotz seines vergleichsweise sehr jungen Lebensalters von dann gerade einmal 40 Jahren.

In seiner Bewerbungsrede um den Vorsitz einer vom Wähler aus der Regierungskoalition in den „außerparlamentarischen Bildungsurlaub“ geprügelten Partei sagte der passionierte Jungjäger vor genau fünf Jahren:

„ […] die FDP, sie muß nicht fürchten, bekämpft zu werden für das, wofür wir stehen. Die FDP muss nur fürchten, für nichts zu stehen, […] “

Ein Satz, der heute nicht weniger wahr ist. Auch nicht für die Buchstabenkombinationen C, D und U – oder auch für S, P und D.

©2018 für Text- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

15. November 2018: „Es kommt auf Substanz an.“

So erklärt Vizekanzler Olaf Scholz die enorme Popularität von Helmut Schmidt.

Als Ergebnis einer bundesweiten Umfrage wurde der zweite sozialdemokratische Kanzler der Bonner Republik 2012 zum größten Vorbild der Deutschen erklärt. Anläßlich Schmidts 100-jährigem Geburtstag am 23. Dezember eröffnet der Bundesfinanzminister  an der Seite der Künstlerischen Leiterin des Freundeskreises, Gisela Kayser, im Willy-Brandt-Haus heute die Ausstellung „Helmut Schmidt: Hanseat – Staatsmann – Weltbürger“.

 

©2018 für Text- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

7. September 2018: Berliner Polizei verschlampt Personalausweis

StaatsdienerInnen vertuschen wochenlang ihre Inkompetenz und mutmaßliche Schludrigkeit – gedeckt von der Polizeipräsidentin in Berlin

Die Ausgangslage: am frühen Morgen des 23. August wird der Berliner Polizei frühmorgens am Zentralen Omnibusbahnhof im Nachtschatten des Westberliner Funkturms von einem Dieb mein Personalausweis ausgehändigt.

Der weitere Verlauf, in welchem ich mich bemühe, wieder in den Besitz meines amtlichen Ausweisdokuments zu gelangen, mutet an wie eine der lustigen Geschichten aus Schilda – lustig sind diese ja nur, weil sie Fiktion sind. In der Realität sind sie meistens mindestens peinlich. Jedenfalls für die Hauptakteure der jeweiligen Posse. Zurück zur – leider wahren – Geschichte:

Am Morgen des 24. August – ich befinde mich noch nichtsahnend auf der Dachterrasse eines sehr guten Freundes in Kreuzberg und genieße den traumhaft-schönen Sonnenaufgang über der Hauptstadt – ist weder das Büro der Polizeipräsidentin in Berlin noch die Polizeidirektion 3 – Abschnitt 32 telefonisch erreichbar. Anrufversuche laufen minutenlang ins Leere. Um kurz vor 9 Uhr morgens.

Am Abend des 25. August schließlich – in der Zwischenzeit zeitigten meine Recherchen das Ergebnis, dass sich mein Personalausweis im PK 24 auf dem Kaiserdamm befinde – geruht der Diensthabende, ans Telefon zu gehen. Zum Glück für mich während eines meiner nicht wenigen Anrufversuche. Dieser Diensthabende nun gibt mir die Information, dass mein Personalauweis routinemäßig als Fundsache behandelt worden sei und er demzufolge schon am Vortag seinen Weg ins Zentrale Fundbüro am Platz der Luftbrücke angetreten habe. Das Fundbüro sei erst am übernächsten Morgen – dem Montagmorgen telefonisch zu erreichen. Ab 8 Uhr.

Ab da geht es Schlag auf Schlag.

27. August, 8 Uhr morgens: Mein angeblich „gefundener“ Personalausweis ist im Zentralen Fundbüro unauffindbar.

27. August, 18Uhr55: Ich erstatte bei der Direktion 2 der Berliner Polizei schriftlich per E-Mail Strafanzeige gegen den Dieb gem. §§ 132 und 242 StGB (Amtsanmaßung und Diebstahl). Im gleichen Zuge erbitte ich eine amtliche Verlustbescheinigung, die ich dringend benötige.

30. August, 8Uhr31: Die Polizeibeamtin Janine L. vom Abschnitt 22 der Polizeidirektion 2 kommt mit einer neuen Version über den Verbleib meines Ausweises um die Ecke. Schriftlich. In einer E-Mail. Nun sei mein Personalausweis bereits am 23. August an das Bürgeramt in meinem Wohnort versendet worden. Meine telefonische Nachfrage, ob dieser Brief mit einfacher Post – also nicht nachverfolgbar – gesendet wurde, bejahte die zu diesem Zeitpunkt noch freundliche Janine. Dass er nicht auf direktem Wege an meine Meldeanschrift gesendet worden ist, die ja auf dem Personalausweis steht, hätte mich schon stutzig machen können. Und auch sollen, wie der weitere Verlauf dieser unseligen Causa noch zeigen wird.

3. September, 21Uhr11: Meiner Bürgerspflicht folgend informiere ich Janine L. und auch die Polizeidirektion 2 schriftlich darüber, dass mein Personalausweis weder behördlicherseit verlustig gemeldet worden noch in meinem Bürgeramt angekommen sei. Gleichzeitig erbitte ich Informationen darüber, ob meine Strafanzeigen aufgenommen worden sind. Schließlich erfrage ich noch den Sachstand in Bezug auf die erbetene Verlustbescheinigung und die amtliche Verlustmeldung.

4. September, 9Uhr32: Die in zunehmend gereizter Diktion schreibende Janine zündet in ihrer Antwort-E-Mail einige auf Behördendeutsch abgefasste rhetorische Nebelkerzen, ohne auch nur eine meiner Fragen vom Vorabend zu beantworten.

4. September, 9Uhr48: Ich erbitte erneut bei Janine die Beantwortung meiner sachlich simplen Fragen. Bis 12 Uhr mittags.

4. September, 12Uhr59: Janine spielt „Tote Frau“ und bewegt sich nicht mehr. Jedenfalls für mich nicht wahrnehmbar, so dass ich mich mit meinem Anliegen schriftlich an ihre oberste Dienstherrin, die Polizeipräsidentin in Berlin, Frau Dr. Slowik, wende.

6. September, 8Uhr16: Janine raspelt plötzlich Süßholz. Sie schreibt wörtlich:

[…] gern teilen wir Ihnen die Vorgangsnummer bezüglich des Diebstahls und der Amtsanmaßung mit […]

6. September, 8Uhr33: Der von Janine beigefügten „Bestätigung einer Strafanzeige“ ist zu entnehmen, dass der Vorgang erst am Vortag aufgenommen worden ist. Mithin schlappe 9 (in Worten: neun) Tage nach Erstattung meiner Anzeige. Ich erbitte bei Janine eine Erklärung dafür.

6. September, 14Uhr3: Janine ist offenkundig wieder in ihr „Tote-Frau“-Katatonie verfallen, so dass ich mich genötigt sehe, erneut die Polizeipräsidentin um die Beantwortung meiner seit bereits drei Tagen ungeklärten Fragen zu bitten.

6. September, 14Uhr53: Statt Antworten zu geben, beschließt Frau Dr. Slowik,  einen frischen Spieler einzuwechseln: Polizeikommissar W. aus dem Stab 333 der Direktion 2 – Sachbereich Beschwerden – meldet sich zu Wort und läßt mich wissen, dass ab jetzt er federführend mein Anliegen bearbeite.

6. September 15Uhr55: Ich weise W. freundlich darauf hin, dass ich gar keine Beschwerde führe, sondern lediglich auf Antworten auf simple Fragen hoffe und bitte ihn bis 9 Uhr des Folgetages um die Benennung eines sachkompetenten Ansprechpartners – wahlweise auch um Beantwortung meiner einfachen Fragen. W. kann ja nix dafür, dass er ins Feld geschickt wird. Der arme Mann ist weisungsgebunden. W. entscheidet sich genau wie Janine zuvor, ab nun „Toter Mann“ zu spielen.

7. September, 9Uhr1: Ich wende mich erneut an die Polizeipräsidentin in Berlin und stelle in meinem letzten Satz die Behauptung auf:

Es kann nicht sein, dass die Hauptstadtpolizei wochenlang keine Antwort darauf findet, wie der Sachstand in Bezug auf eine amtliche Verlustmeldung ist.

Einem spontanen Impuls folgend, schicke ich die Frage hinterher:

Oder kann es das doch?

Eine weitere Frage. Eine, die bis zur Stunde ebenfalls noch unbeantwortet ist.

7. September, 10Uhr36: Meine Recherchen haben zu dem Ergebnis geführt, dass unzweifelhaft zu keinem Zeitpunkt seit dem 24. August d. J. ein Schreiben der Berliner Polizei unter der von Janine genannten Adresse eingegangen ist.

Der Verbleib meines Personalausweises ist auch nach über zwei Wochen noch ungeklärt.

Eine amtliche Verlustmeldung ist seitens der Berliner Polizei offenbar noch nicht erfolgt. Genausowenig hat die Berliner Polizei mir eine Verlustbescheinigung zukommen lassen.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, kommt schnell zu dem Schluß, dass es nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, dass mein armer Personalausweis sich noch irgendwo im Kompetenzbereich von Frau Dr. Slowik befindet. Offenbar unauffindbar.

Mein Vertrauen in die Hauptstadtpolizei stärkt das nicht. Ob es gänzlich zerstört werden wird, werden die nächsten Tage zeigen.

Für eine Stellungnahme war Frau Dr. Slowik heute vormittag nicht erreichbar. Der – seinen eigenen Ausführungen zufolge ja seit gestern – federführende Kommissar W. ebenfalls nicht. Auch nicht Janine. Niemand, der in der Berliner Polizei seinen hoheitlichen Aufgaben nachgeht. Oder wenigstens nachgehen sollte.

Honi soit qui mal y pense.

Stay tuned.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.