7. Januar 2019: „Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit.“

Zum 40sten Geburtstag von Christian Lindner

Der passionierte Porsche-Pilot startet durch. Zum Jahresbeginn geht der FDP-Parteichef in die Medien-Offensive:

  1. Am Samstag zitiert der „Spiegel“ ihn mit den Worten: „Also, wenn Frau Kramp-Karrenbauer und Herr Habeck auf uns zukommen, dann laufen wir nicht weg – aber wir laufen denen auch nicht hinterher.
  2. Gestern sendet die „Tagesschau“ zur besten Sendezeit die Losung, die er auf dem traditionellen Dreikönigstreffen seiner Partei in der Stuttgarter Oper ausgibt: „Wer uns ein faires Angebot zur Erneuerung des Landes macht, der kann zu jeder Zeit damit rechnen, dass wir bereit sind, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen, meine Damen und Herren.
  3. Und heute an seinem vierten runden Geburtstag spricht er Klartext im Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“:
Christian Lindner in seinem Fraktionsvorsitzenden-Büro im Deutschen Bundestag

„Wir sind in einer neuen Zeit.“

Das großzügige Eckbüro des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag hat mit seiner Nordwest-Ausrichtung zwar keine Morgensonne, aber einen direkten und unverbaubaren Blick auf die nur 20 Meter entfernte Südost-Ecke des Reichstagsgebäudes. Beherrscht wird es optisch durch zwei mächtige, gekreuzte Fahnen: die Bundes- und die Europaflagge.

Auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch liegt nur die dunkle Ledermappe mit dem blindgeprägten Siegel des US-amerikanischen Senats, die er von einer Washington-Reise mitgebracht hat. So aufgeräumt wie sein Arbeitsumfeld wirkt auch der im rheinisch-bergischen Wermelskirchen aufgewachsene Vollblut-Politiker selber während des intimen Vier-Augen-Gesprächs. Nicht ohne Genugtuung nimmt Lindner, erklärter BVB-Fan und auf der letzten Mitgliederversammlung in den Wirtschaftsrat des Bundesligisten berufen, den in den Lauf gespielten rhetorischen Ball elegant an und fasst zusammen, was CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in Reinhold Beckmanns Mikrofon sprach:

Dobrindt hat gesagt, Frau Merkel hat den Grünen alle möglichen Brücken gebaut und Kompromisse angeboten, der FDP nicht. Und er habe damals gewarnt, die FDP müsse auch etwas haben, sonst tritt sie nicht in eine Regierung ein. Und vorher wurde ja immer gesagt, eine Einigung war zum Greifen nah. Und jetzt hat mal einer die tatsächliche Situation dargestellt. Das finde ich gut, zeigt aber eins: wir sind in einer neuen Zeit. Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit. Und Leute, die nach vorne schauen, wie der Kollege Alexander Dobrindt, die denken schon wieder an die nächsten Situationen.

Damit hat Dobrindt nicht mehr getan, als den Schwarzen Peter für das Scheitern der 2017er Jamaika-Sondierungsgespräche von der FDP an Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterzureichen. Allerdings auch nicht weniger.

„Ich war extrem schwer und fett.“

So lange ersehnt die Absolution des Alexander Dobrindt auch für das Geburtstagskind gewesen sein mag – im heutigen Gespräch spielen dessen beruflich-politischen Ambitionen nur eine Nebenrolle. Im Gespräch mit Dieter Röseler erhält das Private eine größere Gewichtung, wenngleich die Haltung eines Berufspolitikers zur Titelfrage durchaus auch von professionellen Aspekten geprägt sein dürfte.

Auf Augenhöhe mit Siegesgöttin Victoria: Blick vom Reichstag auf Christian Lindners Büro, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor im Hintergrund

Aber was der laut VRdS (Verband der Redenschreiber deutscher Sprache) beste Redner im Bundestagswahlkampf 2017 auf die Frage antwortet, ob er im Zweifel dem Fußball oder seiner Partnerin den Vorzug gebe, wie es um seine Work-Life-Balance bestellt ist, warum man ein Herz für Hasen haben müsse, ob er sich als Womanizer oder Frauenversteher sieht und wie es sich anfühlt, „Posterboy“ oder „Bambi“ genannt zu werden, erlaubt durchaus Einblicke in die Seele des bald schon zweitdienstältesten Chefs einer im Bundestag vertretenen Partei. Ebenso die reflektierte Haltung zu seiner Kindheits-Adipositas.

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Christian. Lass Dich angemessen – also ordentlich – feiern!


©2018 für die Bildbeiträge: Dieter Röseler | ©2019 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

22. Dezember 2018: Neue Männer hat das Land

Und damit den Salat.

Liebe Ina Deter,

bevor selbst ich mich nach wochenlanger Verweigerungshaltung auf der Schlußgeraden dann doch auch noch dem vom Zeitgeist oktroyierten Vorweihnachtskaufrausch überMANNen lassen muss, nutze ich die letzten besinnlichen Stunden in meinem Lieblings-Café Amelie für diese offenen Zeilen an Dich… ich hätte sie Dir gerne – sehr gerne sogar – comme il faut privat zugesendet. Aber Du hast Dir ja so wirksam Frodos Unsichtbarkeitsjöppchen umgeworfen, dass selbst das ansonsten allwissende Wikipedia keine Ahnung hat, ob Du grad in der Hauptstadt, in Spanien oder JottWeeDee weilst.

Schau’ sie Dir mal ganz in Ruhe an, die Geister, die Du vor 36 Jahren riefst und komm mir jetzt nicht mit der lahmen Entschuldigung, dass Du jung gewesen seiest und das Geld gebraucht hättest:

          Jens Spahn               Bernd Höcke | Markus Söder | Karl Lauterbach | Anton Hofreiter

Komm’ raus aus Deinem Versteck, liebe Ina, und stell’ Dich Deiner gesellschaftlichen Mitverantwortung für diesen erbärmlichen Status Quo in Deutschland.

Weißt Du, wenn es sich nur darum handeln würde, dass Du mir mit Deinem (noch nicht einmal #1-, aber immerhin dann doch:) Hit-Wunder meine Adoleszenz sowas von versaut hättest, würd’ ich heute nur müde lächeln… nach drei Therapien hab’ ich meinen Frieden damit gefunden, dass gefühlte 90% aller xx-chromosomalen Wesen meiner Pubertätsaltersklasse hennagefärbt auf der Tanzfläche der Disco im evangelischen Jugendheim Köln-Kalk zu Deinen polemisierenden Liedermacherinnen-Versen verzückt rumzappelten und in keinster Weise empfänglich waren für meine ersten zarten Werbeversuche. Auch der Umstand, dass ich hernach noch für Jahrzehnte dem Irrglauben anhing, dass Frauen grundsätzlich langsam kämen, ist Teil Deiner Verantwortung für mein armes kleines, lange Jahre fehlgeleitetes Leben. Aber: geschenkt. Ehrlich.

Was jedoch das oben abgebildete Quintett des Grauens angeht: über diese allergrößte Sorgen bereitende Entwicklung in diesem unserem Lande kann und darf ich nicht länger das gnadenvolle Mäntelchen des Schweigens hüllen. Das wird mir an diesem besinnlich-friedlichen vierten Adventssamstag 2018 immer bewußter. Diese „MÄNNER“ sind die Ernte Deiner Saat. Deren Allpräsenz in den Medien und an den Schaltstellen der Macht verpasst unserer ehedem wunderschönen Leitkultur (vielen Dank, HERR März (mit „e“), für diese Wortschöpfung) seit Jahren immer häufiger ein führendes „G“ – ohne Punkt, wohlgemerkt.

Ich fordere Dich auf, mir im nächsten Jahr Rede und Antwort zu stehen, Du Powerfrau des Fin de Siècle. Es läßt sich einfach nicht mehr daran vorbeiblicken, dass Du ganz im Gegensatz zu Mephistopheles ein Teil der Kraft bist, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.

Ruf. Mich. An. Ich freue mich auf eine weich aber unfair geführte Debatte in meinem neuen Podcast-Format „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“ Die wenigstens bist Du mir, vor Allem aber Deinem Land schuldig.

Hochgradig verärgert, Dein Dieter


©2018 für den Wortbeitrag: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

Lichtbilder v. l. n. r.: ©2018 Olaf Kosinski | ©2015 Alexander Dalbert | ©2016 Superbass | ©2018 Martin Kraft | ©2014 Foto-AG Gymnasium Melle – Quelle aller Lichtbilder: Wikipedia

22. Juni 2018: Mad Dogtor’s Birthday

Dr. Uwe Boll

Dr. Uwe Boll ist einer der meistgehaßten Köpfe im internationalen Filmgeschäft. 2009 hat er gleich mehrfach die Goldene Himbeere abgeräumt: als Regisseur der Filme Postal, 1968 Tunnel Rats und Schwerter des Königs – und auch in der Kategorie Schlechtestes bisheriges Lebenswerk (Worst Career Achievement).

Im gleichen Jahr habe ich den gebürtigen Leverkusener mehrere Tage lang am Set von Max Schmeling beobachtet und einen ziemlich ver-rückten Hund kennengelernt. Nie zuvor und auch niemals seither war ich an einem Filmset, an dem konzentrierter und unprätentiöser gearbeitet wurde. Ich mag nicht jeden von Bolls Filmen – aber ich mag auch nicht jeden Streifen von Steven Spielberg. Ich mag Uwe als Typ. Als einen Kerl, der sich vom System nicht verbiegen lässt und sein Ding macht.

Dichter Wolf Wondratschek und Regisseur Dr. Uwe Boll sichten Rohmaterial von Boxkampf-Szenen, die mit einer Hochgeschwindigkeitskamera angefertigt wurden, im Hof von Schloss Sommerberg in Wiesbaden am Set der Dreharbeiten zum Kinofilm „Max Schmeling“ | 6. Juli 2009

Und ich verehre sein Engagement, das er mit seinem Streifen Darfur zeigt. Wenigstens dafür hat er auf dem New York International Independent Film & Video Festival den Preis für den besten internationalen Film abgeräumt. In einem Gespräch mit der Süddeutschen sagt er 2011:

In meinem Film „Darfur“ gibt es eine Szene, da geht ein Journalist mit einer Waffe zurück in das Dorf, auch wenn er weiß, dass er alleine die Bewohner nicht verteidigen kann. Für diese eine Szene habe ich den ganzen Film gemacht: Der Typ, das sind wir.

Das imponiert mir.

Heute feiert der verrückte Hund seinen 53. Geburtstag. Alles, alles erdenklich Gute Dir, mein Lieber! Lass Dich angemessen – also ordentlich – feiern!

 

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.