25. März 2019: Bastard I – V

Bastard II | 10. August 2018 | Bensberg

Inspiriert von den frühen Wolken-Arbeiten Marina Abramovics auf der einen Seite und vom Song „Bastard“ des erfolgreichsten deutschen Pop-Duos Rosenstolz andererseits hat Dieter Röseler im August 2018 die Arbeit an seinem Schwarzweiss-Zyklus Bastard aufgenommen.

Vom Balkon seiner Wohnung im rheinisch-bergischen Bensberg fängt er seither mit der Kamera triviale Wolkenformationen ein, die er in einem weiteren Arbeitsschritt spiegelt. So entstehen Faltbilder, die als Grundlage für ein psychodiagnostisches Testverfahren nach dem freudianischen Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Rorschach dienen können.

Die ersten fünf Bildtafeln legt er nun als optische Untermalung für das titelgebende Musikstück vor:


©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

18. Februar 2019: Neues Wohnzimmer

Es ist noch keine drei Monate her, dass das Projektbüro Berlin-Brandenburg mit einer Hausausstellung von #minnsche am 1. Dezember 2018 im „Bensberg Berlins“ – also in Kleinmachnow – eröffnet wurde. Und gerade einmal eineinhalb Monate, dass Dieter Röseler den Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“ mit seinem Selbstgespräch am Neujahrsmorgen 2019 startete.

Am Samstag dann erreichte ihn die Frohe Botschaft, dass der Freundeskreis der Neuen Kammerspiele Kleinmachnow sein Projekt tatkräftig unterstützen wolle – gleichsam als ostdeutsches Pendant zum Bürgerportal Bergisch Gladbach, das nicht weniger als die Hebamme oder Geburtshelferin von #dbiwionk ist: sowohl mit ideeller als auch mit pekuniärer Unterstützung von der ersten Sekunde an.

Vier Episoden werden daher 2019 ausnahmsweise nicht an einem Ort aufgezeichnet, den der/die ProtagonistIn aufgrund tiefer emotionaler Verbundenheit auswählt, sondern in Röselers flammneuem ostdeutschen Wohnzimmer: den Neuen Kammerspielen im brandenburgischen Kleinmachnow.

Für Dieter Röseler ein Zeichen, dass tatsächlich zusammenwächst, was zusammen gehört!


Die nächste Podcast-Episode erscheint kommenden Samstag übrigens mit dem im Juli 2015 als Staatsfeind Nr. 1 von einem gewissen Hans-Georg Maaßen gehetzten netzpolitik.org-Gründungs-Chef Markus Beckedahl.

Markus Beckedahl, Netzaktivist, Lobbyist und Unternehmer – Gründer von netzpolitik.org Porträt im Besprechungsraum „Tresor“

Damit hat der seinerzeitige Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz sich auf eine Stufe gestellt mit dem 1962 amtierenden Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß: er hatte die … nunja: mindestens sportliche, vor Allem aber verabscheuungswürdig demokratiefeindliche Auffassung, dass ein StaatsDIENER einen investigativ tätigen Journalisten mit Hilfe eines mehr schlecht als recht an den Haaren herbeigezogenen Verdachts auf Landesverrat (§94 StGB) mundtot machen könne.

Strauß hatte 1962 nach 52 Tagen keine andere Wahl mehr, als auf sein Amt zu verzichten. Nachdem alle FDP-Minister 11 Tage zuvor aus Protest geschlossen zurückgetreten sind.

Maaßen hingegen durfte nach seinem Lapsus noch drei Jahre und vier Monate den Inlandsgeheimdienst leiten – warum auch immer.

Vorgestern schließlich traute Schorsch Maaßen sich wieder in die Öffentlichkeit (gute drei Monate, nachdem ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier endgültig mit sofortiger Wirkung in den einstweiligen Ruhestand versetzt hatte). Mit einer Rede, in der er die Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 als grundlegende Ursache für eine wachsende Gefahr des islamistischen Terrors brandmarkte.

Maaßen mag Jurist und politischer Beamter sein, wie die deutsche wikipedia im ersten Satz feststellt. Vor Allem aber ist er zweifelsohne eins: ein rechter Brandbeschleuniger.


Hier als Appetitanreger der Teaser-Trailer zum Gespräch mit Markus Beckedahl:


©2019 für Wort- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

24. Januar 2019: „Ich sehe was, was du nicht siehst – Fotografische Ansichten“

Gemeinsam mit Projekt-Initiatorin Marlis Sauer kuratiert Dieter Röseler seit zwölf Wochen eine lebendige Fotografie-Ausstellung für das Zentrum Bensbergs. Ihr gemeinsames Projekt „Ich sehe was, was du nicht siehst – Fotografische Ansichten“ verfolgt das Ziel, die Künstlerische Fotografie in ihrer ganzen Vielfalt wieder im kulturellen Leben der Stadt zu verankern. Bei der Premierenveranstaltung am kommenden Sonntag und weitere drei Wochen lang werden insgesamt zwölf (sic!) Künstlerinnen und Künstler aus Köln, dem Rhein-Sieg- und dem Rheinisch-Bergischen Kreis ihre unterschiedlichen Positionen dem interessierten Publikum zeigen.

Dieter Röseler wird eingedenk des Internationalen Gedenktages an die Opfer des Holocausts streng limitierte Vintage Prints aus seiner Werkreihe „Deutschland 5Uhr30 – #d5h30″– inszenieren.

Hier als kleines Appetithäppchen vorab ein paar Impressionen der gestrigen Gespräche mit den Vertreterinnen und Vertretern der lokalen Presse… enJOY!

SAVE THE DATE: Sonntag, 27. Januar 2019 | 18Uhr30 | Schloßstr. 16a | 51429 Bensberg


©2019 für Wort- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

8. Januar 2019: Vorläufiges Fazit der Bankenkrise

Heute vor exakt 10 Jahren wurde bekannt, dass der Bund 25% plus 1 Aktie der Commerzbank übernommen, sich also mit insgesamt 18,2 Mrd. (in Zahlen: 18.200.000.000,00) Euro in Deutschlands damals zweitgrößter Bank engagiert hatte.

In „Staatliche Hilfen für die Commerzbank AG – Eine vorläufige Bilanz“ nimmt der Fachbereich WD 4 (Haushalt und Finanzen) des Deutschen Bundestages am 21. Juni 2017 unter dem Aktenzeichen WD 4 – 3000 – 052/17 in Punkt 3 „Vorläufiges Fazit“ auf Seite 9 wie folgt Stellung zu diesem Engagement:

[… Der Bund] hält derzeit nach diversen Kapitalerhöhungen noch 15,6 Prozent der Aktien der Commerzbank AG (Stand 31. Dezember 2016). Für die Aktien zahlte er damals insgesamt 5,1 Mrd. Euro. Der Wert dieses Aktienpakets betrug am 31. Dezember 2015 1,9 Mrd. Euro. Im Mai 2017 ist der Wert auf ca. 1,7 Mrd. Euro gesunken. […]

*** 2008 | Frankfurt am Main | Commerzbank-Rettungsschirm *** Exzerpt von Deutschland 5Uhr30 – #d5h30 *** Hommage an Chargesheimers Köln 5Uhr30 ***|||*** „Der Rettungsschirm für die Commerzbank ist aufgespannt: Das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut und der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) einigten sich am Freitag in Frankfurt auf die genauen Konditionen der stillen Staatseinlage von 8, 2 Mrd. Euro. Sie fließt zum 31.12. dieses Jahres in einer Tranche und wird mit neun Prozent jährlich verzinst, teilte die Commerzbank am Abend mit.“ (Handelsblatt am 19. Dezember 2008 um 19Uhr45, abgerufen am 20. September 2015

Bis heute, so meldet die ARD, sei der Wert auf nur noch 1,2 Mrd. Euro zusammengeschnurrt.

Honi soit qui mal y pense.


©2015 für das Lichtbildwerk: Dieter Röseler | ©2019 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

15. November 2018: „Es kommt auf Substanz an.“

So erklärt Vizekanzler Olaf Scholz die enorme Popularität von Helmut Schmidt.

Als Ergebnis einer bundesweiten Umfrage wurde der zweite sozialdemokratische Kanzler der Bonner Republik 2012 zum größten Vorbild der Deutschen erklärt. Anläßlich Schmidts 100-jährigem Geburtstag am 23. Dezember eröffnet der Bundesfinanzminister  an der Seite der Künstlerischen Leiterin des Freundeskreises, Gisela Kayser, im Willy-Brandt-Haus heute die Ausstellung „Helmut Schmidt: Hanseat – Staatsmann – Weltbürger“.

 

©2018 für Text- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

11. August 2018: #minnsche

 „… Gerade weil Dieter Röseler den Bezug [zu August Sander] wagt, erhebt sich seine Bilderreihe „#minnsche“ weit über eine Ansammlung großartiger fotografischer Individualporträts. … und erlaubt triftige Einsichten in das Selbstbild einer Gesellschaft, die sich ihrer Selbst nicht mehr sicher ist.“
Kunsthistoriker und -kritiker Prof. Klaus Honnef in seiner Einführung zu #minnsche

 

Letzte Woche ist Alles in Essig und Öl gebracht worden – die erste #minnsche-Show wird am 30. August 2018 in der Kölner Südstadt eröffnet.

Ein guter Zeitpunkt, ein wenig über mein aktuelles Projekt zu erzählen.

enJOY! 🙂

 

Einladungskarte zur ersten #minnsche-Ausstellung im Rahmen der Internationalen Photoszene Köln 2018

 

 

 

 

5. August 2018: Nichts ist der Anfang von Allem – 2/2

Die Mutter der Performance-Kunst in Bonn

Marina-Abramović-Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

 

„tock ––––– Tock –––– TOck ––– TOCk –– TOCK –– TOCKK –––––––––– TOCK – TOCKK – TOCKKK – TOCKKKK – TOCKKKKK – TOCKKKKKK“

Diese stakkato-artigen Töne beherrschen den ersten reinen Schmerz-Raum der Ausstellung. Sie sind aufgezeichnet worden während einer Performance, in der die Abramović mit den unterschiedlichsten Messern das Spiel mit sich selber spielt, das Jedem aus alten Western-Saloons geläufig ist: in immer schneller werdenden Folgen sticht sie das Messer in die Zwischenräume zwischen den Fingern ihrer gespreizten linken Hand, die auf einem Holzstück unbeweglich ruht – wenn’s gut läuft. Wenn’s nicht ganz so gut läuft, treibt sie sich die Klinge mit voller Wucht ins eigene Fleisch. Erst lange nach dem ersten akustischen Reiz wird der Ausstellungsbesucher  die optische Aufarbeitung dieser Performance gewahr: riesige überlebensgroße grobkörnige Silbergelatineabzüge der Hand und der verschiedenen zum Einsatz gekommenen Messer.

Coming and Going | 1973/2017 | Silbergelatineabzüge | Courtesy of Marina Abramović-Archives

Am Ende dieses Teils hängt ein neunteiliges Tableau von Fotografien mit dem im ersten Moment und im direkten Kontrast nachgerade harmlosen Titel „Coming and Going“: hier ist der Schmerz sehr subtil inszeniert. Eine Atempause zum Luftholen, bevor man sich nach links wendet und das inszenierte Tisch-Stillleben mit Stuhl, Rotwein, Metronom, Honig – und Lederpeitsche vor den Video-Projektionen auf sich wirken lässt.

I SLOWLY EAT 1 KILO OF HONEY WITH A SILVER SPOON

Wer den Videobildern der Selbstkasteiung fliehen will, wird hinter der nächsten Trennwand empfangen von einem Monitor, der einem in Endlosschleife die Performance „Art must be beautiful – The artist must be bautiful!“ in Ton und Bild entgegenschleudert: manisches Kämmen des Haupthaares – bis aufs Blut. Auffallend viele weibliche Besucherinnen verweilen geduldig und gebannt vor dieser Installation.

Art must be beautiful – The artist must be beautiful

Rhythm 0

Gerade einmal 26 Jahre alt, geht Marina 1974 in Neapel mit ihrer Performance „Rhythm 0“ auf’s Ganze und liefert sich mit Haut und Haar ihrem Publikum aus. Vorbereitet hat sie 72 Objekte, die gleichsam wie auf einem Altar bereitliegen, um sie an der Künstlerin nach eigenem Gutdünken zu benutzen. Darunter eine rote Rose, Rotwein, Pflanzenöl und eine Federboa. Jedoch auch Stahl- und Eisenketten, Fleischermesser, Fuchsschwanz, ein Beil und nicht zu Allerletzt eine Pistole mit Kugel. Im erklärenden Begleittext spricht sie im Vorfeld jede/n an dieser Performance teilnehmende/n BesucherIn von Konsequenzen für ihr/sein Handeln frei und übernimmt die volle Verantwortung. Nun… sie hat’s überlebt; dem Vernehmen nach jedoch auch nur knapp und weil  jede einzelne der „Rhythm 0„-Performances nach nicht allzu langer und immer vor der Zeit abgebrochen wurde.

Requisiten der Performance „Rhythm 0“ | 1974 | Studio Morra, Neapel – Italien

Ulay

Marina Abramović und Ulay (Frank Uwe Laysiepen): Relation Works

Im nächsten Jahr lernt Marina einen der prägendsten Männer ihres Lebens kennen: Ulay – ebenfalls wie sie selbst an einem 30. November im Sternkreiszeichen des Schützen geboren. 1977 kaufen sie gemeinsam einen alten Bus und werden die nächsten drei Jahre in diesem Vehikel nomadisch um die Welt ziehen. Nicht ohne ein gemeinsames Manifest zu verfassen:

 

ART VITAL

 

Kein fester Wohnsitz

Permanent in Bewegung sein

Direkter Kontakt

Lokaler Bezug

Selbstbestimmung

Grenzüberschreitung

Risikobereitschaft

Bewegliche Energie

 

Keine Proben

Kein festgelegtes Ende

Keine Wiederholung

 

Noch größere Verletzlichkeit

Abhängigkeit vom Zufall

Unmittelbare Reaktionen

Mit ihren gemeinsamen „Relation Works“ widmen sie sich dem Verhältnis zwischen Mann und Frau – losgelöst von ihrer persönlichen Beziehung – auf archaische Art und Weise. Das Potenzial von negativer und positiver Energie erwählen sie sich genauso zum Thema wie die völlige Abhängigkeit und absolutes Vertrauen zwischen zwei Menschen.

 

1988 trennen sich die Wege der Beiden, jedoch haben die Arbeiten von „UlayundMarina“ bis heute eine ungebrochene Relevanz und beeinflussen immer noch neue Generationen von Kunstschaffenden.

The Cleaner ist nur noch sechs Tage in Bonn zu Gast: bis zum 12. August! Dann geht es weiter ins italienische Florenz.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

31. Juli 2018: Deutschland 5Uhr30 | 12. Jahrestag der mißglückten Kofferbombenanschläge von Köln

2006 | Hauptbahnhof: Bahnsteig zwischen Gleis 2 und 3 | Köln

Kofferbomben-Anschläge von Köln […] Am 31. Juli 2006 platzierten zwei aus dem Libanon stammende Studenten zwei in Rollkoffern versteckte Sprengsätze in Regionalzügen, die von Köln nach Hamm beziehungsweise Koblenz fuhren. Die Wecker lösen zwar zur eingestellten Zeit um 14.30 Uhr die Zündung aus, das Gas-Benzin-Gemisch in den Gasflaschen kann aber mangels Sauerstoff nicht explodieren. Wäre es anders gewesen, wären Splitter bis zu hundert Meter weit geflogen. Der eine Koffer wird im Fundbüro des Dortmunder Bahnhofs abgegeben und die Bombe dort entdeckt. Die zweite wird am nächsten Tag in Koblenz gefunden. Die Polizei veröffentlicht Videobilder der beiden Männer vom Kölner Hauptbahnhof, von denen einer ein Michael-Ballack-Trikot trägt. […] Das Motiv der beiden Muslime: Gotteskrieg gegen die Ungläubigen im Westen. Hamad wird am 18. Dezember 2007 in Beirut zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil gegen El Hajdib fällt am 9. Dezember 2008 in Düsseldorf: lebenslange Haft.

DIE WELT vom 14. Dezember 2012, abgerufen am 21. September 2015 hier: welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article112029233/Kofferbomben-Anschlaege-von-Koeln.html


Exzerpt von Deutschland 5 Uhr 30 [Hommage an Chargesheimers Köln 5 Uhr 30]

 

©2015–2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

 

30. Juli 2018: Nichts ist der Anfang von Allem – 1/2

Die Mutter der Performance-Kunst in Bonn

Marina-Abramović-Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

 

 

Seit dem 20. April diesen Jahres inszeniert nach Stockholm und Kopenhagen nun auch Bonn mit seiner Bundeskunsthalle die Rückschau auf das Lebenswerk einer zurecht zur Ikone stilisierten Grande Dame des internationalen Kunstbetriebs: die 71-jährige Marina Abramović verstört seit über 50 Jahren mit ihrer radikalen und kompromißlosen Suche nach neuen – und vor Allem: schmerzhaften und angstbesetzten – Grenzerfahrungen. Seit ihren Anfängen begleitet sie der nur sieben Jahre ältere Kunsthistoriker und -kritiker Professor Klaus Honnef, der einen Tag nach der Ausstellungseröffnung  in vielerlei Superlativen schwelgt:

Professor Klaus Honnef, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Ausstellungskurator und Theoretiker für künstlerische Fotografie in Markus Schadens „The PhotoBookMuseum“ | Köln | 19.09.2014

Die Ausstellung ist ein Hammer. Sie hat mich buchstäblich umgehauen, hat tief in meinen Körper und Geist eingegriffen. […] Brillant von Susanne Kleine in Szene gesetzt, ist die Schau ein Parcours der Erfahrungen, der geballten Energie und ihrer Entladung. Latente Aggressivität und Gewalt teilt sich spürbar mit wie selbstlose Liebe. Die Performances sowie die Video- und fotografischen Bilder gehen bisweilen über den Rahmen des gewöhnlich Zumutbaren hinaus. Das aber ist ästhetisches Programm – und einfach fulminant. […] Die mit Worten nicht zu beschreibende Ausstellung erfasst die Besucher physisch und psychisch, packt unmittelbar ins menschliche Selbstverständnis und in die Eingeweide (visceral ist die Bezeichnung), man kann ihr nicht ausweichen, und Marina Ambramovic hat die Grenzen des Möglichen bis in die letztmögliche Phase ausgetestet und – für viele – auch überschritten. Angesichts mancher ihrer Werke stellte sich gestern die Gänsehaut ein, die mich damals überzog. Nicht zuletzt die unbeschreibliche Disziplin ist beunruhigend. Die Abramovic wird zurecht als ein Megastar der heutigen Kunst begriffen. […]

Quelle: Facebook

Folgerichtig beherrscht die weißgewandete überlebensgroße Abramovic mit ihrem stoischen Blick nun seit Monaten das Foyer der Bundeskunsthalle – gleichsam wie eine Hohepriesterin des Schmerzes.

Der Wucht und der Klasse dieser Ausstellung wird dieser erste visuelle Eindruck gerecht. Ein einzelner Blog-Beitrag kann dies nicht leisten. So habe ich mich entschlossen, meine Wochenplanung ein wenig anzupassen, Termine zu verschieben und meinen Bericht dreizuteilen. Hier folgen meine Eindrücke aus dem Bereich der Frühwerke der dreimaligen documenta-Teilnehmerin.

Am Anfang war die Waschmaschine

„Vom Schmerz zur Freiheit“ betitelten die beiden Filmemacherinnen Kerstin Edinger und Nicolette Feiler-Thull ihre Fernseh-Dokumentation über die Tochter zweier verdienter Partisanen, die einander in den letzten Wirren des zweiten Weltkrieges wechselseitig das Leben retteten.

Schmerz hat Marina schon als kleines Kind über alle Maßen erfahren müssen: Ihr Vater hatte „Schlag“ bei den Frauen und hat es sich nicht nehmen lassen, sein erstes Kind nach dem Namen einer russischen Geliebten zu benennen, die vor seinen Augen von einer Kriegsgranate zerfetzt wurde.

Dies wiederum hat Marinas Mutter nicht glücklicher gemacht. Zumal der ihr Angetraute das eheliche Heim nicht selten floh, um sich in immer neue erotische Abenteuer mit immer neuen Damen zu stürzen. In der Folge prügelte die betrogene Ehefrau ihr Kind bei jeder passenden – und auch unpassenden Gelegenheit.

Im Alter von 12 Jahren erlebte Marina Abramović, wie die in der frisch gegründeten Volksrepublik Jugoslawien priveligiert lebenden Eltern eine elektrische Waschmaschine geliefert bekommen haben. Im neugierigen Spiel mit dem neuen Haushaltsgegenstand gerät einer der Mädchen-Finger in die Mangel. Durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen wird zunächst dieser Finger, dann die gesamte Hand und schließlich auch noch ihr Unterarm minutenlang durch die Mangel gezogen. Dieses einschneidende Erlebnis, das sie Schmerz in einer ungekannten Intensität durchleben ließ, ist so prägend für ihre künstlerische Entwicklung gewesen, dass „The Cleaner“ den Anfang ihrer künstlerischen Zeitreise in Bonn einleitet.

The Cleaner – washing machine, ca. 1958 | Waschmaschine, Räder mit Blattgold überzogen | Courtesy of Marina Abramović Archives

Das prägende Kindheitserlebnis, so erinnert sich Marina in ihren Erinnerungen Walk Through Walls, endete mit einem harten Schlag der Mutter ins Mädchengesicht.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Kindheitserlebnisse entfalten die drei einfach fortmulierten  Abramović-Sätze aus der oben bereits erwähnten Dokumentation eine sagenhafte Wucht:

Schmerz ist so ein großes Hindernis. Man stoppt da normalerweise. Aber wenn man darüber hinausgeht, befindet sich dahinter eine ganz andere Welt.

Gegen Ende der am 21. Juli 2018 auf 3sat ausgestrahlten Dokumentation sagt die Abramovic:

Ich muß in mein Leben viel Humor bringen. Viel lachen. Ich erzähle den ganzen Tag Witze. Lachen ist so wichtig. Über sich selbst. Aber auch über die Lächerlichkeit, die einen umgibt.

Dies ist sicher der Schlüssel zum vielleicht amüsantesten Exponat der gesamten Retrospektive – der aus einer Erdnuss und zwei Nadeln bestehenden Cloud with its Shadow

Cloud with its Shadow, 1970 | Eine Erdnuss, zwei Nadeln | Courtesy of Marina Abramović Archives

The Cleaner ist noch knappe zwei Wochen in Bonn zu Gast: bis zum 12. August 2018 – dann geht es weiter ins italienische Florenz.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

22. Juni 2018: Mad Dogtor’s Birthday

Dr. Uwe Boll

Dr. Uwe Boll ist einer der meistgehaßten Köpfe im internationalen Filmgeschäft. 2009 hat er gleich mehrfach die Goldene Himbeere abgeräumt: als Regisseur der Filme Postal, 1968 Tunnel Rats und Schwerter des Königs – und auch in der Kategorie Schlechtestes bisheriges Lebenswerk (Worst Career Achievement).

Im gleichen Jahr habe ich den gebürtigen Leverkusener mehrere Tage lang am Set von Max Schmeling beobachtet und einen ziemlich ver-rückten Hund kennengelernt. Nie zuvor und auch niemals seither war ich an einem Filmset, an dem konzentrierter und unprätentiöser gearbeitet wurde. Ich mag nicht jeden von Bolls Filmen – aber ich mag auch nicht jeden Streifen von Steven Spielberg. Ich mag Uwe als Typ. Als einen Kerl, der sich vom System nicht verbiegen lässt und sein Ding macht.

Dichter Wolf Wondratschek und Regisseur Dr. Uwe Boll sichten Rohmaterial von Boxkampf-Szenen, die mit einer Hochgeschwindigkeitskamera angefertigt wurden, im Hof von Schloss Sommerberg in Wiesbaden am Set der Dreharbeiten zum Kinofilm „Max Schmeling“ | 6. Juli 2009

Und ich verehre sein Engagement, das er mit seinem Streifen Darfur zeigt. Wenigstens dafür hat er auf dem New York International Independent Film & Video Festival den Preis für den besten internationalen Film abgeräumt. In einem Gespräch mit der Süddeutschen sagt er 2011:

In meinem Film „Darfur“ gibt es eine Szene, da geht ein Journalist mit einer Waffe zurück in das Dorf, auch wenn er weiß, dass er alleine die Bewohner nicht verteidigen kann. Für diese eine Szene habe ich den ganzen Film gemacht: Der Typ, das sind wir.

Das imponiert mir.

Heute feiert der verrückte Hund seinen 53. Geburtstag. Alles, alles erdenklich Gute Dir, mein Lieber! Lass Dich angemessen – also ordentlich – feiern!

 

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.