25. März 2019: Bastard I – V

Bastard II | 10. August 2018 | Bensberg

Inspiriert von den frühen Wolken-Arbeiten Marina Abramovics auf der einen Seite und vom Song „Bastard“ des erfolgreichsten deutschen Pop-Duos Rosenstolz andererseits hat Dieter Röseler im August 2018 die Arbeit an seinem Schwarzweiss-Zyklus Bastard aufgenommen.

Vom Balkon seiner Wohnung im rheinisch-bergischen Bensberg fängt er seither mit der Kamera triviale Wolkenformationen ein, die er in einem weiteren Arbeitsschritt spiegelt. So entstehen Faltbilder, die als Grundlage für ein psychodiagnostisches Testverfahren nach dem freudianischen Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Rorschach dienen können.

Die ersten fünf Bildtafeln legt er nun als optische Untermalung für das titelgebende Musikstück vor:


©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

5. August 2018: Nichts ist der Anfang von Allem – 2/2

Die Mutter der Performance-Kunst in Bonn

Marina-Abramović-Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

 

„tock ––––– Tock –––– TOck ––– TOCk –– TOCK –– TOCKK –––––––––– TOCK – TOCKK – TOCKKK – TOCKKKK – TOCKKKKK – TOCKKKKKK“

Diese stakkato-artigen Töne beherrschen den ersten reinen Schmerz-Raum der Ausstellung. Sie sind aufgezeichnet worden während einer Performance, in der die Abramović mit den unterschiedlichsten Messern das Spiel mit sich selber spielt, das Jedem aus alten Western-Saloons geläufig ist: in immer schneller werdenden Folgen sticht sie das Messer in die Zwischenräume zwischen den Fingern ihrer gespreizten linken Hand, die auf einem Holzstück unbeweglich ruht – wenn’s gut läuft. Wenn’s nicht ganz so gut läuft, treibt sie sich die Klinge mit voller Wucht ins eigene Fleisch. Erst lange nach dem ersten akustischen Reiz wird der Ausstellungsbesucher  die optische Aufarbeitung dieser Performance gewahr: riesige überlebensgroße grobkörnige Silbergelatineabzüge der Hand und der verschiedenen zum Einsatz gekommenen Messer.

Coming and Going | 1973/2017 | Silbergelatineabzüge | Courtesy of Marina Abramović-Archives

Am Ende dieses Teils hängt ein neunteiliges Tableau von Fotografien mit dem im ersten Moment und im direkten Kontrast nachgerade harmlosen Titel „Coming and Going“: hier ist der Schmerz sehr subtil inszeniert. Eine Atempause zum Luftholen, bevor man sich nach links wendet und das inszenierte Tisch-Stillleben mit Stuhl, Rotwein, Metronom, Honig – und Lederpeitsche vor den Video-Projektionen auf sich wirken lässt.

I SLOWLY EAT 1 KILO OF HONEY WITH A SILVER SPOON

Wer den Videobildern der Selbstkasteiung fliehen will, wird hinter der nächsten Trennwand empfangen von einem Monitor, der einem in Endlosschleife die Performance „Art must be beautiful – The artist must be bautiful!“ in Ton und Bild entgegenschleudert: manisches Kämmen des Haupthaares – bis aufs Blut. Auffallend viele weibliche Besucherinnen verweilen geduldig und gebannt vor dieser Installation.

Art must be beautiful – The artist must be beautiful

Rhythm 0

Gerade einmal 26 Jahre alt, geht Marina 1974 in Neapel mit ihrer Performance „Rhythm 0“ auf’s Ganze und liefert sich mit Haut und Haar ihrem Publikum aus. Vorbereitet hat sie 72 Objekte, die gleichsam wie auf einem Altar bereitliegen, um sie an der Künstlerin nach eigenem Gutdünken zu benutzen. Darunter eine rote Rose, Rotwein, Pflanzenöl und eine Federboa. Jedoch auch Stahl- und Eisenketten, Fleischermesser, Fuchsschwanz, ein Beil und nicht zu Allerletzt eine Pistole mit Kugel. Im erklärenden Begleittext spricht sie im Vorfeld jede/n an dieser Performance teilnehmende/n BesucherIn von Konsequenzen für ihr/sein Handeln frei und übernimmt die volle Verantwortung. Nun… sie hat’s überlebt; dem Vernehmen nach jedoch auch nur knapp und weil  jede einzelne der „Rhythm 0„-Performances nach nicht allzu langer und immer vor der Zeit abgebrochen wurde.

Requisiten der Performance „Rhythm 0“ | 1974 | Studio Morra, Neapel – Italien

Ulay

Marina Abramović und Ulay (Frank Uwe Laysiepen): Relation Works

Im nächsten Jahr lernt Marina einen der prägendsten Männer ihres Lebens kennen: Ulay – ebenfalls wie sie selbst an einem 30. November im Sternkreiszeichen des Schützen geboren. 1977 kaufen sie gemeinsam einen alten Bus und werden die nächsten drei Jahre in diesem Vehikel nomadisch um die Welt ziehen. Nicht ohne ein gemeinsames Manifest zu verfassen:

 

ART VITAL

 

Kein fester Wohnsitz

Permanent in Bewegung sein

Direkter Kontakt

Lokaler Bezug

Selbstbestimmung

Grenzüberschreitung

Risikobereitschaft

Bewegliche Energie

 

Keine Proben

Kein festgelegtes Ende

Keine Wiederholung

 

Noch größere Verletzlichkeit

Abhängigkeit vom Zufall

Unmittelbare Reaktionen

Mit ihren gemeinsamen „Relation Works“ widmen sie sich dem Verhältnis zwischen Mann und Frau – losgelöst von ihrer persönlichen Beziehung – auf archaische Art und Weise. Das Potenzial von negativer und positiver Energie erwählen sie sich genauso zum Thema wie die völlige Abhängigkeit und absolutes Vertrauen zwischen zwei Menschen.

 

1988 trennen sich die Wege der Beiden, jedoch haben die Arbeiten von „UlayundMarina“ bis heute eine ungebrochene Relevanz und beeinflussen immer noch neue Generationen von Kunstschaffenden.

The Cleaner ist nur noch sechs Tage in Bonn zu Gast: bis zum 12. August! Dann geht es weiter ins italienische Florenz.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

30. Juli 2018: Nichts ist der Anfang von Allem – 1/2

Die Mutter der Performance-Kunst in Bonn

Marina-Abramović-Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

 

 

Seit dem 20. April diesen Jahres inszeniert nach Stockholm und Kopenhagen nun auch Bonn mit seiner Bundeskunsthalle die Rückschau auf das Lebenswerk einer zurecht zur Ikone stilisierten Grande Dame des internationalen Kunstbetriebs: die 71-jährige Marina Abramović verstört seit über 50 Jahren mit ihrer radikalen und kompromißlosen Suche nach neuen – und vor Allem: schmerzhaften und angstbesetzten – Grenzerfahrungen. Seit ihren Anfängen begleitet sie der nur sieben Jahre ältere Kunsthistoriker und -kritiker Professor Klaus Honnef, der einen Tag nach der Ausstellungseröffnung  in vielerlei Superlativen schwelgt:

Professor Klaus Honnef, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Ausstellungskurator und Theoretiker für künstlerische Fotografie in Markus Schadens „The PhotoBookMuseum“ | Köln | 19.09.2014

Die Ausstellung ist ein Hammer. Sie hat mich buchstäblich umgehauen, hat tief in meinen Körper und Geist eingegriffen. […] Brillant von Susanne Kleine in Szene gesetzt, ist die Schau ein Parcours der Erfahrungen, der geballten Energie und ihrer Entladung. Latente Aggressivität und Gewalt teilt sich spürbar mit wie selbstlose Liebe. Die Performances sowie die Video- und fotografischen Bilder gehen bisweilen über den Rahmen des gewöhnlich Zumutbaren hinaus. Das aber ist ästhetisches Programm – und einfach fulminant. […] Die mit Worten nicht zu beschreibende Ausstellung erfasst die Besucher physisch und psychisch, packt unmittelbar ins menschliche Selbstverständnis und in die Eingeweide (visceral ist die Bezeichnung), man kann ihr nicht ausweichen, und Marina Ambramovic hat die Grenzen des Möglichen bis in die letztmögliche Phase ausgetestet und – für viele – auch überschritten. Angesichts mancher ihrer Werke stellte sich gestern die Gänsehaut ein, die mich damals überzog. Nicht zuletzt die unbeschreibliche Disziplin ist beunruhigend. Die Abramovic wird zurecht als ein Megastar der heutigen Kunst begriffen. […]

Quelle: Facebook

Folgerichtig beherrscht die weißgewandete überlebensgroße Abramovic mit ihrem stoischen Blick nun seit Monaten das Foyer der Bundeskunsthalle – gleichsam wie eine Hohepriesterin des Schmerzes.

Der Wucht und der Klasse dieser Ausstellung wird dieser erste visuelle Eindruck gerecht. Ein einzelner Blog-Beitrag kann dies nicht leisten. So habe ich mich entschlossen, meine Wochenplanung ein wenig anzupassen, Termine zu verschieben und meinen Bericht dreizuteilen. Hier folgen meine Eindrücke aus dem Bereich der Frühwerke der dreimaligen documenta-Teilnehmerin.

Am Anfang war die Waschmaschine

„Vom Schmerz zur Freiheit“ betitelten die beiden Filmemacherinnen Kerstin Edinger und Nicolette Feiler-Thull ihre Fernseh-Dokumentation über die Tochter zweier verdienter Partisanen, die einander in den letzten Wirren des zweiten Weltkrieges wechselseitig das Leben retteten.

Schmerz hat Marina schon als kleines Kind über alle Maßen erfahren müssen: Ihr Vater hatte „Schlag“ bei den Frauen und hat es sich nicht nehmen lassen, sein erstes Kind nach dem Namen einer russischen Geliebten zu benennen, die vor seinen Augen von einer Kriegsgranate zerfetzt wurde.

Dies wiederum hat Marinas Mutter nicht glücklicher gemacht. Zumal der ihr Angetraute das eheliche Heim nicht selten floh, um sich in immer neue erotische Abenteuer mit immer neuen Damen zu stürzen. In der Folge prügelte die betrogene Ehefrau ihr Kind bei jeder passenden – und auch unpassenden Gelegenheit.

Im Alter von 12 Jahren erlebte Marina Abramović, wie die in der frisch gegründeten Volksrepublik Jugoslawien priveligiert lebenden Eltern eine elektrische Waschmaschine geliefert bekommen haben. Im neugierigen Spiel mit dem neuen Haushaltsgegenstand gerät einer der Mädchen-Finger in die Mangel. Durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen wird zunächst dieser Finger, dann die gesamte Hand und schließlich auch noch ihr Unterarm minutenlang durch die Mangel gezogen. Dieses einschneidende Erlebnis, das sie Schmerz in einer ungekannten Intensität durchleben ließ, ist so prägend für ihre künstlerische Entwicklung gewesen, dass „The Cleaner“ den Anfang ihrer künstlerischen Zeitreise in Bonn einleitet.

The Cleaner – washing machine, ca. 1958 | Waschmaschine, Räder mit Blattgold überzogen | Courtesy of Marina Abramović Archives

Das prägende Kindheitserlebnis, so erinnert sich Marina in ihren Erinnerungen Walk Through Walls, endete mit einem harten Schlag der Mutter ins Mädchengesicht.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Kindheitserlebnisse entfalten die drei einfach fortmulierten  Abramović-Sätze aus der oben bereits erwähnten Dokumentation eine sagenhafte Wucht:

Schmerz ist so ein großes Hindernis. Man stoppt da normalerweise. Aber wenn man darüber hinausgeht, befindet sich dahinter eine ganz andere Welt.

Gegen Ende der am 21. Juli 2018 auf 3sat ausgestrahlten Dokumentation sagt die Abramovic:

Ich muß in mein Leben viel Humor bringen. Viel lachen. Ich erzähle den ganzen Tag Witze. Lachen ist so wichtig. Über sich selbst. Aber auch über die Lächerlichkeit, die einen umgibt.

Dies ist sicher der Schlüssel zum vielleicht amüsantesten Exponat der gesamten Retrospektive – der aus einer Erdnuss und zwei Nadeln bestehenden Cloud with its Shadow

Cloud with its Shadow, 1970 | Eine Erdnuss, zwei Nadeln | Courtesy of Marina Abramović Archives

The Cleaner ist noch knappe zwei Wochen in Bonn zu Gast: bis zum 12. August 2018 – dann geht es weiter ins italienische Florenz.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.