8. Januar 2019: Vorläufiges Fazit der Bankenkrise

Heute vor exakt 10 Jahren wurde bekannt, dass der Bund 25% plus 1 Aktie der Commerzbank übernommen, sich also mit insgesamt 18,2 Mrd. (in Zahlen: 18.200.000.000,00) Euro in Deutschlands damals zweitgrößter Bank engagiert hatte.

In „Staatliche Hilfen für die Commerzbank AG – Eine vorläufige Bilanz“ nimmt der Fachbereich WD 4 (Haushalt und Finanzen) des Deutschen Bundestages am 21. Juni 2017 unter dem Aktenzeichen WD 4 – 3000 – 052/17 in Punkt 3 „Vorläufiges Fazit“ auf Seite 9 wie folgt Stellung zu diesem Engagement:

[… Der Bund] hält derzeit nach diversen Kapitalerhöhungen noch 15,6 Prozent der Aktien der Commerzbank AG (Stand 31. Dezember 2016). Für die Aktien zahlte er damals insgesamt 5,1 Mrd. Euro. Der Wert dieses Aktienpakets betrug am 31. Dezember 2015 1,9 Mrd. Euro. Im Mai 2017 ist der Wert auf ca. 1,7 Mrd. Euro gesunken. […]

*** 2008 | Frankfurt am Main | Commerzbank-Rettungsschirm *** Exzerpt von Deutschland 5Uhr30 – #d5h30 *** Hommage an Chargesheimers Köln 5Uhr30 ***|||*** „Der Rettungsschirm für die Commerzbank ist aufgespannt: Das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut und der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) einigten sich am Freitag in Frankfurt auf die genauen Konditionen der stillen Staatseinlage von 8, 2 Mrd. Euro. Sie fließt zum 31.12. dieses Jahres in einer Tranche und wird mit neun Prozent jährlich verzinst, teilte die Commerzbank am Abend mit.“ (Handelsblatt am 19. Dezember 2008 um 19Uhr45, abgerufen am 20. September 2015

Bis heute, so meldet die ARD, sei der Wert auf nur noch 1,2 Mrd. Euro zusammengeschnurrt.

Honi soit qui mal y pense.


©2015 für das Lichtbildwerk: Dieter Röseler | ©2019 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

7. Januar 2019: „Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit.“

Zum 40sten Geburtstag von Christian Lindner

Der passionierte Porsche-Pilot startet durch. Zum Jahresbeginn geht der FDP-Parteichef in die Medien-Offensive:

  1. Am Samstag zitiert der „Spiegel“ ihn mit den Worten: „Also, wenn Frau Kramp-Karrenbauer und Herr Habeck auf uns zukommen, dann laufen wir nicht weg – aber wir laufen denen auch nicht hinterher.
  2. Gestern sendet die „Tagesschau“ zur besten Sendezeit die Losung, die er auf dem traditionellen Dreikönigstreffen seiner Partei in der Stuttgarter Oper ausgibt: „Wer uns ein faires Angebot zur Erneuerung des Landes macht, der kann zu jeder Zeit damit rechnen, dass wir bereit sind, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen, meine Damen und Herren.
  3. Und heute an seinem vierten runden Geburtstag spricht er Klartext im Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“:
Christian Lindner in seinem Fraktionsvorsitzenden-Büro im Deutschen Bundestag

„Wir sind in einer neuen Zeit.“

Das großzügige Eckbüro des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag hat mit seiner Nordwest-Ausrichtung zwar keine Morgensonne, aber einen direkten und unverbaubaren Blick auf die nur 20 Meter entfernte Südost-Ecke des Reichstagsgebäudes. Beherrscht wird es optisch durch zwei mächtige, gekreuzte Fahnen: die Bundes- und die Europaflagge.

Auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch liegt nur die dunkle Ledermappe mit dem blindgeprägten Siegel des US-amerikanischen Senats, die er von einer Washington-Reise mitgebracht hat. So aufgeräumt wie sein Arbeitsumfeld wirkt auch der im rheinisch-bergischen Wermelskirchen aufgewachsene Vollblut-Politiker selber während des intimen Vier-Augen-Gesprächs. Nicht ohne Genugtuung nimmt Lindner, erklärter BVB-Fan und auf der letzten Mitgliederversammlung in den Wirtschaftsrat des Bundesligisten berufen, den in den Lauf gespielten rhetorischen Ball elegant an und fasst zusammen, was CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in Reinhold Beckmanns Mikrofon sprach:

Dobrindt hat gesagt, Frau Merkel hat den Grünen alle möglichen Brücken gebaut und Kompromisse angeboten, der FDP nicht. Und er habe damals gewarnt, die FDP müsse auch etwas haben, sonst tritt sie nicht in eine Regierung ein. Und vorher wurde ja immer gesagt, eine Einigung war zum Greifen nah. Und jetzt hat mal einer die tatsächliche Situation dargestellt. Das finde ich gut, zeigt aber eins: wir sind in einer neuen Zeit. Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr, das ist vollendete Vergangenheit. Und Leute, die nach vorne schauen, wie der Kollege Alexander Dobrindt, die denken schon wieder an die nächsten Situationen.

Damit hat Dobrindt nicht mehr getan, als den Schwarzen Peter für das Scheitern der 2017er Jamaika-Sondierungsgespräche von der FDP an Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterzureichen. Allerdings auch nicht weniger.

„Ich war extrem schwer und fett.“

So lange ersehnt die Absolution des Alexander Dobrindt auch für das Geburtstagskind gewesen sein mag – im heutigen Gespräch spielen dessen beruflich-politischen Ambitionen nur eine Nebenrolle. Im Gespräch mit Dieter Röseler erhält das Private eine größere Gewichtung, wenngleich die Haltung eines Berufspolitikers zur Titelfrage durchaus auch von professionellen Aspekten geprägt sein dürfte.

Auf Augenhöhe mit Siegesgöttin Victoria: Blick vom Reichstag auf Christian Lindners Büro, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor im Hintergrund

Aber was der laut VRdS (Verband der Redenschreiber deutscher Sprache) beste Redner im Bundestagswahlkampf 2017 auf die Frage antwortet, ob er im Zweifel dem Fußball oder seiner Partnerin den Vorzug gebe, wie es um seine Work-Life-Balance bestellt ist, warum man ein Herz für Hasen haben müsse, ob er sich als Womanizer oder Frauenversteher sieht und wie es sich anfühlt, „Posterboy“ oder „Bambi“ genannt zu werden, erlaubt durchaus Einblicke in die Seele des bald schon zweitdienstältesten Chefs einer im Bundestag vertretenen Partei. Ebenso die reflektierte Haltung zu seiner Kindheits-Adipositas.

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Christian. Lass Dich angemessen – also ordentlich – feiern!


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18. Dezember 2018: Slow Life

In einer Woche ist Weihnachten. Ein rasantes Jahr läuft mit Riesenschritten auf sein Ende zu. Wenig ist im bundesdeutschen Alltag 2019 zu spüren von den Tugenden, die sich seit alters her mit der Adventszeit verbinden: Innehalten, Rückschauen, Reflektieren.

verdi nutzt diese Woche für einen Arbeitskampf gegen den reichsten Mann der Welt, AKKs Aufgabe, die innerparteilichen Gräben zügig zuzuschütten, ist – zumindest in ihrer subjektiven Wahrnehmung – so heikel, dass sie erstmal gar keine Pressekonferenz nach Präsidiumssitzungen duldet und der Einzelhandel sucht erneut händeringend nach Konzepten, wie sich dem stetigen Kleinerwerden seines Kuchenstücks vom Weihnachtsgeschäft Einhalt gebieten lassen könnte.

Wer beruflich die Adventszeit gelassen sehen kann, macht sich das Leben schwer und schwerer mit der Jagd nach möglichst individuellen Geschenken für seine Nahen. 

Dass die Zeit rennt, wußten schon die alten Römer und deren Philosophen. Die Geschwindigkeit, die den Menschen heute in der Ersten Welt unisono abverlangt und vorgelebt wird, ist atemberaubend. Ungesund. Manchmal sogar im wortwörtlichen Sinne. Davon kann mein alter Freund Erik ein langes leidvolles Lied singen. Und er tut es auch.

Seit zwei Jahren nun lässt der erfolgreiche Jurist nach schwerer Erkrankung seine anwaltliche Zulassung ruhen, entschleunigt und widmet sich gemeinsam mit drei langjährigen Weggefährten seiner großen Leidenschaft: der Musik.

Als UNDER ONE SKY haben die vier 2017 ihr erstes Album „Peace Of Mind“ vorgestellt und an einem heißen Hochsommertag im August diesen Jahres hat Erik mich bei einem vorzüglichen Caffe Latte dazu inspiriert, dem Entschleunigen auch in meinem beruflichen Alltag einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Eines der Resultate dieser Neuausrichtung ist mein Podcast „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten“, der am 1. Januar 2019 mit einem nabelschauenden Selbstgespräch startet, bevor am 7. Januar dann Christian Lindner aus seinem reichhaltig gefüllten Nähkästchen plaudern wird. Der Christian Lindner, der seinerzeit der jüngste Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag war; der Christian Lindner, der genau 5 Jahre vor AKK den Vorsitz seiner am Boden liegenden Partei übernommen hat; der Christian Lindner, der im November 2017 mit seinem „Nein“ die ersten Jamaika-Sondierungen auf Bundesebene hat platzen lassen.

Christian Lindner im Büro des Fraktionsvorsitzenden der FDP im Deutschen Bundestag

Der Christian Lindner, der am 7. Januar 2019 seinen 40sten Geburtstag feiert.


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8. Dezember 2018: „Es war mir eine Ehre.“

Mit diesen Worten beendete Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Hamburg ihre über 18 lange Jahre währende Regentschaft als Bundesvorsitzende der CDU.

In ihrer Abschiedsrede ist Raum für Demut. Für Dankbarkeit und sogar für augenzwinkernden Humor. Vor allem aber für Würde.

Dies ist eine weitere ihrer zumindest in diesem Jahrtausend singulären – und hoffentlich stilbildenden – Leistungen: der (gerade noch) rechtzeitige Rückzug in Würde aus einem hohen politischen Amt. 

Genauso viel Respekt nötigt mir ab, dass sie alles in ihrer Macht Stehende unternommen hat, die Frage ihrer Nachfolge dazu zu nutzen, innerhalb ihrer Partei mehr Demokratie zu wagen, um einen sozialdemokratischen Claim aus den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts zu bemühen.

Dass sich mindestens zwei der drei Bewerber um den Parteivorsitz während ihrer gemeinsamen Regionalkonferenzen-Ochsentour durch die Republik „fast wie eine Rockband“ fühlten, spricht zwar nicht gerade dafür, dass diese mit den Usancen im Musikantengewerbe vertraut sind, lässt jedoch im Umkehrschluss die Hoffnung auf eine gesunde Selbstironie der Protagonisten aufkeimen.

Der Foto-Finish im zweiten Wahlgang von 51,75% Zustimmung für Merkels Mädchen AKK verdeutlicht, dass es keine klare Linie innerhalb der Union gibt. Die Freunde des Bewahrens haben nur eine hauchdünne Mehrheit vor jenen des Neuanfangs. Friedrich Merz verzichtete darauf, sich allzu sehr einbinden zu lassen. Er schaut sich die weiteren Entwicklungen vorerst lieber vom Spielfeldrand aus an.

Wenn AKK bei den nächsten Wahlen nicht umgehend liefern kann, bleibt er dort – und nur dort – möglichst unbeschädigt. Seine Nehmerqualitäten auf dem bundespolitischen Parkett waren nie sonderlich ausgeprägt.

Es bleibt – Vorsicht: BILLIGER Kalauer – spahnend.

©2007+2018 für Text- und Bildbeiträge: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

7. Dezember 2018: „Wir sind in einer neuen Zeit.“

So erklärt sich Christian Lindner – heute auf den Tag genau seit 5 Jahren Bundesvorsitzender der FDP – die Generalamnestie, die Alexander Dobrindt ihm in einem Gespräch mit Reinhold Beckmann ausgestellt hat. Für seinen öffentlich und auch parteiintern sehr kontrovers kommentierten Entschluss, am 19. November 2017 die Sondierungen über eine erste Jamaika-Koalition auf Bundesebene abzubrechen. Der seinerzeitige CSU-Unterhändler äußert großes Verständnis für die Entscheidung der FDP-Spitze und lastet das Scheitern der Sondierungen vollumfänglich der Vorsitzenden seiner Schwesterpartei, Angela Merkel, an. 

Die Dokumentation „Lindner und die FDP – Aufbruch ins Abseits?“ wird am Abend nach der für die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD desaströsen Hessenwahl erstmals in der ARD ausgestrahlt. Am gleichen Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel völlig überraschend erklärt, heute nicht mehr für den Bundesvorsitz der CDU kandidieren zu wollen und damit selbst das Ende ihrer Ära einläutet. Eine bemerkenswerte zeitliche Koinzidenz.

„Das alte Jamaika spielt gar keine Rolle mehr – das ist vollendete Vergangenheit.“

So führt Christian Lindner seine Analyse fort in dem Gespräch, das wir Ende November in seinem geräumigen Fraktionsvorsitzenden-Eckbüro mit Blick auf die Südost-Ecke des Reichstagsgebäudes führen.

Wenn Horst Seehofer wie geplant seinen Parteivorsitz am 19. Januar 2019 abgegeben haben wird, ist Christian Lindner der zweitdienstälteste Vorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei. Ein alter Hase. Trotz seines vergleichsweise sehr jungen Lebensalters von dann gerade einmal 40 Jahren.

In seiner Bewerbungsrede um den Vorsitz einer vom Wähler aus der Regierungskoalition in den „außerparlamentarischen Bildungsurlaub“ geprügelten Partei sagte der passionierte Jungjäger vor genau fünf Jahren:

„ […] die FDP, sie muß nicht fürchten, bekämpft zu werden für das, wofür wir stehen. Die FDP muss nur fürchten, für nichts zu stehen, […] “

Ein Satz, der heute nicht weniger wahr ist. Auch nicht für die Buchstabenkombinationen C, D und U – oder auch für S, P und D.

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15. November 2018: „Es kommt auf Substanz an.“

So erklärt Vizekanzler Olaf Scholz die enorme Popularität von Helmut Schmidt.

Als Ergebnis einer bundesweiten Umfrage wurde der zweite sozialdemokratische Kanzler der Bonner Republik 2012 zum größten Vorbild der Deutschen erklärt. Anläßlich Schmidts 100-jährigem Geburtstag am 23. Dezember eröffnet der Bundesfinanzminister  an der Seite der Künstlerischen Leiterin des Freundeskreises, Gisela Kayser, im Willy-Brandt-Haus heute die Ausstellung „Helmut Schmidt: Hanseat – Staatsmann – Weltbürger“.

 

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11. November 2018: „Gläbbich alaaf!“ – oder: „Danke Monsieur de Gaulle!“?

Alljährlich beginnt bei uns im Rheinland am 11. November um 11Uhr11 die fünfte Jahreszeit – der Karneval: In den Straßen und Kneipen der Region herrscht der gleiche Ausnahmezustand wie an Weiberfastnacht und/oder Rosenmontag.

Dieser an und für sich sehr, sehr schöne Brauch ist überaus dominant. Und läßt nur sehr wenig – an und für sich gar nichts – neben sich bestehen.

So mußte ich 49 Jahre alt werden und im Süden Frankreichs – dem Midi – überwintern, um lernen und erleben zu können, dass bei unseren westlichen Nachbarn der 11. November ebenfalls gefeiert wird. Anders zwar – deutlich anders sogar –, aber nicht minder intensiv.

L‘Armistice de Rethondes

Gefallenendenkmal im südfranzösischen Puyricard – dem nördlichsten sehr dörflichen Viertel von Aix-en-Provençe

In der Wichtigkeit aller französischen Feiertage rangiert der 11. November direkt unterhalb des 14. Juli – es ist der zweitwichtigste im Lande. Noch im kleinsten Dorf versammelt sich die Bevölkerung kurz vor 11 um das Gefallenen-Denkmal unter der Trikolore. Die Veteranen legen in vollem Ornat Kränze nieder und alle GrundschülerInnen haben vor Aufregung schweißnasse Hände.

Wenn die Punkt 11 in Erinnerung an die Unterzeichnung des ersten Waffenstillstandsabkommens von Compiègne läutenden Glocken verstummen, ist der große Augenblick gekommen, an dem sie endlich voller Inbrunst die Marseillaise im Chor intonieren dürfen.

Fête de l’Armistice am 11. November 2015 in Puyricard

Ich kann nicht ermessen, ob ich die letzten 51 Jahre einfach zu sehr auf den Sessions-Auftakt fokussiert war oder ob die „Armistice“-Feierlichkeiten unserer französischen Freunde in Jahren ohne rundes Jubiläum keinerlei Nachrichtenwert für die bundesdeutschen Leitmedien haben. Umso mehr berührt mich Emmanuel Macrons Einladung an unsere Bundeskanzlerin. Ebenso die gestrige ausführliche Berichterstattung in Tagesschau und Tagesthemen. Und die große stille Geste der Versöhnung – auch wenn Angela Merkel sie vor drei Jahren fast deckungsgleich an der Seite von François Hollande gab.

Neue Heimat

Die Schwert-Spitze des Gefallenendenkmals auf dem Deutschen Platz

Nun begab es sich vor drei Tagen, dass ich als Neu-Bensberger bei meinem Spaziergang vom Café Amélie zurück ins Unterdorf erstmals meine Schritte auf diesen kleinen Platz links lenkte, dessen Name mich schon länger seltsam berührt: „Deutscher Platz“ fühlt sich für mich deutlich aus der Zeit gefallen an. Dass das Kreuz auf der Spitze des den Platz beherrschenden Denkmals gar kein christliches ist, sondern die Silhouette eines martialischen Schwertes, befremdet mich. Die starre Mimik der vier stahlhelmbewehrten Steinfratzen auf dem dritten Segment über dem Wehrmachtskreuz und der Inschrift „Treue um Treue“ löst ein Gefühl der Scham und Bestürzung in mir aus.

Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Gefallenendenkmal mit Inschrift „TREUE UM TREUE“ auf dem Deutschen Platz inBensberg

Ist es aber. Leider. Recht zügig lässt sich dank Internet recherchieren, dass der Platz diesen Namen seit 1945 trägt. Die zwölf Jahre davor war’s der „Adolf-Hitler-Platz“. Geboren wurde er während der Weimarer Republik allerdings als „Friedensplatz“. Seinerzeit übrigens noch ohne das martialisch-revanchistische Gefallenendenkmal. In diesem Zusammenhang halte ich es auch für bemerkenswert, dass die Verantwortlichen in meiner Neuen Heimat es offenbar erst Ende der 80er Jahre über’s Herz gebracht haben, die Ehrenbürgerwürde für Adolf Hitler zu annullieren, wie Gisbert Franken am 17. Februar 2013 in der Bergischen Landesleitung schreibt.

Stephanie Peine schreibt nun in Bezug auf das Gefallenendenkmal am 27. Februar diesen Jahres im Kölner Stadtanzeiger:

Als Vorbild könnte die französische Partnerstadt Bourgoin-Jallieu dienen […]. Hier hatte man, in einer auch für Frankreich recht außergewöhnlichen und nicht unumstrittenen Aktion, die örtlichen Kriegerdenkmäler abgebaut und die Materialien vom Bildhauer Gilbert Primard in die Gesamtanlage eines Friedensdenkmals, das Memorial de la Paix, einarbeiten lassen. Im Mittelpunkt steht jetzt eine vier Meter hohe Friedenstaube auf einer Weltkugel. Friedenstaube contra Schwert, das könnte auch ein Arbeitstitel für Bensberg sein.

Dem schließe ich mich an. Vorbehaltlos.

Danke.

Und ich bedanke mich bei Charles de Gaulle, der als sich erst wenige Wochen im Amt befindender französischer Ministerpräsident die menschliche Größe und den politischen Instinkt hatte, den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer am 14. September 1958 in sein privates Landhaus nach Colombey-les-deux-Églises einzuladen. Eine Ehre, die weder davor noch danach irgendeinem anderen Politiker zuteil wurde. Damit hat er den Grundstein für die Aussöhnung und den seither lang anhaltenden Frieden in Westeuropa gelegt.

Es wäre nicht nur schön, wenn aus den Bensberger Kriegerdenkmälern nach französischem Vorbild Friedensdenkmäler entstünden. Zeitgemäß wäre auch, dass der „Deutsche Platz“ wieder seinen ursprünglichen Namen bekommt: „Friedensplatz“. Oder wenigstens „Deutsch-Französischer Platz“.

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18. Juni 2018 | Götterdämmerung im Kanzleramt

7Uhr28
Das politische Deutschland steht Kopf. Verantwortliche und vernünftige Handlungsmaximen hochrangiger Regierungs-politikerInnen werden zugunsten fragwürdig populistischer Positionen über Bord geworfen. Der heraufziehende bayerische Landtags-wahlkampf spielt dabei sicher eine Rolle. Aber genauso sicher nicht die Hauptrolle.
 

Bundeskanzlerin Angela Merkel
2007: Angela Merkel am Bayreuther Festspielhaus

Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten.
 
So zitiert Chefreporter Robin Alexander in der Welt den Bundesminister des Innern Horst Seehofer am gestrigen 17. Juni 2018 um 11Uhr33. Dieses Zitat wird zwar aus CSU-Kreisen umgehend dementiert, aber es gibt niemanden, der nicht glaubt, dass dieser Satz genau so gesagt worden sein könnte. Es geht bei diesem Konflikt nicht wirklich um einen Dissens in der Sache, wie die bundesdeutsche Asylpolitik für die Zukunft aufgestellt wird.
 
 
Im Kern gehe es „gar nicht um die Zurückweisung an der Grenze selbst“. Es gehe lediglich darum, „ob diese Maßnahme sofort erfolgt, wie die CSU es will, oder ob es geordnet im Rahmen einer mit den betroffenen Staaten abgestimmten Lösung abläuft, wie wir als CDU mit der Kanzlerin es wollen“.
 
zitiert die Tagesschau Saarlands Ministerpräsidenten Hans.
 
So ist es. Im Kern geht es darum, das Bollwerk der Angela Merkel sturmreif zu schießen, um zügig ihre Abdankung sowohl an der Partei- als auch an der Regierungsspitze in die Wege zu leiten. Seehofer und die Seinen wissen in Bezug auf einen Bruch der Großen Koalition im Bund laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey den bayerischen Volkswillen mit 71% hinter sich und versuchen mit ihrem Bavaria-First-Getöse zu retten, was in Bayern vor der AfD noch zu retten ist. Um jeden Preis – selbst um den, dass die Augen unserer europäischen Nachbarn in Erinnerung an längst überwunden geglaubte Zeiten nun wieder mit wachsender Sorge auf Deutschland blicken.
 
Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Denn nicht nur die Freizügigkeit im Schengen-Raum steht auf dem Spiel, das Fortbestehen der Europäischen Union ist seit Merkels Alleingang im Spätsommer 2015 gefährdet.
 
Die Kanzlerin ist seit vielen Jahren Stammgast auf dem Bayreuther Grünen Hügel, wird Richard Wagners Götterdämmerung mehr als einmal im Festspielhaus genossen haben und die Handlung kennen. Horst Seehofer ist spätestens seit seiner Abdankung als bayerischer Ministerpräsident eine Lame Duck und offenbar wild entschlossen, der Unverwundbaren als Hagen von Tronje den Speer zwischen die Schulterblätter zu rammen.
 

Volker Bouffier
Volker Bouffier, Ministerpräsident von Hessen und stv. Vorsitzender der CDU

Es freuen sich – mehr oder minder klammheimlich und trotz aller Lippenbekenntnisse – alle CDU-Granden in der zweiten Reihe. Sicher nicht zuletzt Volker Bouffier, der nicht nur in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni der Begegnung Merkel – Seehofer im Kanzleramt beiwohnte, sondern auch in der vergangenen Nacht sieben Stunden lang als Berater der Kanzlerin auf Abruf in der Berliner Parteizentrale fungierte.

Gleichgültig, welche Ereignisse die nächsten Stunden bringen werden: am Ende des Tages ist auch die Hamburger Pastorentochter nur noch eine Lame Duck. Höchstens.
 
 
Ob das dem Land, ob das Europa zum Vorteil gereichen wird, bleibt abzuwarten.
 
 
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