2. Juni 2019: Flaute.

Der Himmel verdüstert sich über der CDU-Parteizentrale

Tag 7 nach der für die ehemaligen Volksparteien SPD und CDU desaströsen Europawahl – in der jüngsten Sonntagsfrage liegen die Grünen mit 29% nun 2 Prozentpunkte vor der CDU und sind damit die stärkste bundespolitische Kraft.

Nach ihren Gedanken zur Regulierung des Internets in Zeiten des Wahlkampfs wird damit die Luft für die erst seit knapp sechs Monaten amtierende CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zusehends dünner.

Da fügt sich ins Bild, dass die Parteifahne auf dem Dach des Konrad-Adenauer-Hauses heute mittag sehr müde an ihrem Mast herunterhängt.

Vielsagendes Detail am Rande: Bei strahlendstem Sonnenschein und 24° Celsius in der Hauptstadt generiert die moderne CDU-Zentrale ausweislich der digitalen Anzeigetafel im Foyer heute 0,0 Kilowattstunden Strom aus Solarkraft und spart damit NullKommaNull Gramm CO2 ein. Ob da jemand immer noch nicht den Schuss gehört hat?! Vielleicht legt ja heute Abend ein gnädiges Präsidiums- und/oder Vorstandsmitglied zu Beginn der Klausurtagung einfach mal den Schalter um?! Wir werden sehen.

26. Mai 2019 – 16Uhr20: Wahlprognose

Vergleicht man die Zahlen der letzten Sonntagsfrage mit dem Wahlergebnis 2004, fällt auf, dass die ehemaligen Volksparteien der Union und die SPD seither nahezu einem gesamten Drittel ihrer einstigen Wählerschaft verlustig gegangen sind. Nachhaltig.

Geht man dazu über, die aktuelle Sonntagsfrage mit jener vom 25. Oktober des Vorjahres zu vergleichen, ist zu vermelden, dass die Parteien der jeweiligen Ränder in den letzten sieben Monaten fast ein Viertel an Zuspruch und Rückhalt verloren haben.

Im gleichen Zeitraum haben die sogenannten „Sonstigen“ um weit über 300 Prozent zugelegt.

Der Zeitraum der Befragungen für die aktuelle Sonntagsfrage erstreckte sich über eine gesamte Woche und endete Donnerstag. Nur sehr kurz, nachdem die Wahlkampf-StrategInnen der Union aus ihrer tagelangen Schock-Starre erwachten und das private Wahlkampf-Video des YouTubers Rezo zunächst diskreditierten, dann „den ältesten 26-Jährigen der Welt“ vor die hauseigenen Kameras der Unionszentrale zitierten, nur um das fertig produzierte Video schließlich von AKK kassieren und in der Versenkung verschwinden zu lassen. Noch bevor es das Licht der Öffentlichkeit erblicken durfte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Rezos Kampfansage „nur“ 5 Millionen Aufrufe. Jetzt, gute eineinhalb Stunden vor Schließung der Wahl-Lokale sind es bereits 11.219.474 (in Worten: Elf Millionen zweihundertneunzehntausendvierhundertundvierundsiebzig). Hinzu kommen 2.819.697 Aufrufe des Statements von 90+ YouTuberinnen, das postwendend vor zwei Tagen veröffentlicht worden ist.

Wetten, dass die Wahlbeteiligung bei den 18- bis 29-Jährigen heute so hoch wie noch nie sein wird? Und: wetten, dass die „Sonstigen“ noch ein paar Bonus-Prozente mehr dank dieses mehr oder weniger weitsichtigen Unions-Krisenmanagements abgreifen werden?!

5. Mai 2019: Photoszene-Festival 2019

SAVE the TIME!

Künstlergespräch mit Kurt Buchwald

5. Mai 2019 | 14:00 Uhr | Erzbergerplatz 9 | 50733 Köln

Kurt Buchwald

Vorgestern hat die „heiße“ Festivalwoche begonnen und der mutige Entschluß der OrganisatorInnen um Geschäftsführerin Heide Häusler, sich vom Diktat und der Unberechenbarkeit der KölnMesse nicht weiter beeindrucken zu lassen, hat sich zweifellos als richtig erwiesen.

Als eines der ältesten und renommiertesten Foto-Festivals weltweit präsentiert die Internationale Photoszene Köln in diesem „Nicht-photokina-Jahr“ erneut eine Vielzahl von Ausstellungen im Kölner Stadtgebiet, die sich großer Aufmerksamkeit erfreuen.

Eine der Interessantesten feierte gestern im Kölner Norden Eröffnung. Die beiden Mitbegründer der Initiative HIGH FIVE, HP Schaefer und Helmut Hergarten, haben sich in diesem Jahr die KollegInnen Philipp J. Bösel (DGPh) aus meiner neuen Heimat Bensberg, Kurt Buchwald (DFA) aus Berlin und die Kölnerin Steffi Sonntag ins Boot geholt.

Tagestipp für heute: das Künstlergespräch mit dem Fotografen, Aktions- und Konzeptkünstler Kurt Buchwald, den Schaefer am Rande der Hamburger DFA-Tagung für die diesjährige Gruppen-Show der HOHEN FÜNF gewinnen konnte.

Der gebürtige Wittenberger Kurt Buchwald, dessen Sohn – gutes antizipierendes Timing – am 9. November Geburtstag feiert, weiss Einiges zu berichten: so konnte er beispielsweise den Mauerfall vor 30 Jahren von einem Logenplatz aus beobachten: am Fenster seiner Berliner Wohnung. Irgendwann im Verlauf der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde er von Baggerlärm geweckt und wunderte sich, warum die Grenzsicherungstruppen der NVA sich am „Antifaschistischen Schutzwall“ der Bernauer Straße zu schaffen machten.

(In diesem Zusammenhang muss leider erwähnt werden, dass der Chronist im Rahmen einer Vernissagen-Wette einige Kaltschalen kölnischen Gerstensafts verloren hat: der BesserWissi verwechselte die Bernauer mit der Bornholmer Straße…)

Buchwalds Arbeiten spiegeln seine Lebensphilosophie: durchaus gesellschaftskritisch nähert er sich selbst dem ernstesten Thema stets mit mindestens einer Prise augenzwinkerndem Humor. Mitunter durchaus sarkastisch. Und tiefschwarz. Wie seine Röhren. Und die 99 Luftballons, die seine Koje markieren.

4. Mai 2019: Chargesheimer-Jedächtnis-Podcast

PROFIFOTO berichtet:

2. Mai 2019 

Am 19. Mai würde der legendäre Kölner Fotograf Chargesheimer 95 Jahre alt. Am Vorabend wollen Philipp J. Bösel (DGPh), Markus Schaden (The Photobook-Museum), Wolfgang Zurborn (DFA­ Präsidium) und als Gastgeber Dieter Röseler ein ebenso unterhaltsames wie kurzweiliges und dennoch informatives Gespräch über den bedeutenden deutschen Fotografen der Nachkriegszeit führen.

„Charges…. – wer?“ ist die einhellige Reaktion, wenn man den Künstlernamen von Karl Heinz Hargesheimer (1924 – 1971/72) außerhalb seiner Fan-Gemeinde erwähnt. Dabei war der zeitlebens mit seiner Heimatstadt eng verbundene Kölner einer der gefragtesten und vielbeschäftigsten Nachkriegsfotografen Deutschlands: so beauftragte Spiegel-Gründer Rudolf Augstein ihn beispielsweise im Vorfeld der Bundestagswahl 1957, ein Porträt von Konrad Adenauer anzufertigen. In der Hoffnung, dass der „Alte“ so gezeigt werde, dass ihm keine dritte Amtszeit als Bundeskanzler vergönnt sei.

Obgleich Augsteins Hoffnung sich nicht erfüllte, war Chargesheimers Adenauer-Bildnis (das dieser im Übrigen autorisierte) eines „in Granit gemeißelten, maskenhaften Antlitz[es]“ in seiner ungeschönten Unmittelbarkeit seiner Zeit weit voraus und stilbildend, genauso wie der Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er nur ein Jahr später gemeinsam mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll vorlegte. Während sich die meisten Honoratioren der Ruhrgebiets-Städte über alle Maßen echauffierten („Der Gelsenkirchener Verkehrsdirektor warf den Autoren Böll und Chargesheimer „pessimistische Voreingenommenheit und beispiellose Einseitigkeit“ vor und konstatierte, die beiden Autoren hätten – „das gilt für Mensch und Landschaft“ – nur „Entartung“ dargestellt.“ Der Spiegel 4/1959, Seite 59), urteilte Karl Korn (Gründungsherausgeber und Ressortleiter Feuilleton der FAZ) in seiner Rezension: „Man fühlt sich mit einem Dante der Kamera konfrontiert.“

Auch mit seinem opus summum „Köln 5Uhr30“ (1970) polarisierte Chargesheimer. Seine vehemente fotografische Kritik an der nach dem Leitbild der „autofreundlichen Stadt“ ausgerichteten Kölner Verkehrspolitik der Sechziger Jahre war wenig zeitgemäß. Der melancholische Abgesang „an ‚seine‘ Stadt Köln, die im Beton zu erstarren drohte“ wurde zwar von photokina-Mitbegründer Prof. L. Fritz Gruber mit einer fulminanten Einzel-Ausstellung geadelt – beim Publikum stieß sie jedoch mehrheitlich auf Unverständnis und Ablehnung.


Heute wird diese Ikone der Fotobücher zu Höchstpreisen gehandelt und seine (und auch Heinrich Bölls) Meinung mehrheitlich geteilt, dass die Kölner Innenstadtschneise „Nord-Süd-Fahrt“ eine Bausünde allererster Güte sei. Die Stadt Köln hat zwar schon 1980 ein Nachwuchs-Stipendium im Bereich Medienkunst nach ihrem couragierten Sohn benannt, übt sich seither jedoch in vornehmer Zurückhaltung.


Weitere Erinnerungen im Öffentlichen Bewusstsein sind ausschließlich auf Privatinitiativen engagierter Bürger zurückzuführen (z. B. Gigi und Paolo Campi, Renate Gruber, Helmut Krumminga mit Wolfgang Niedecken, Heinz-Erich Lambertin et alii der Chargesheimer Gesellschaft, Prof. Christoph und Markus Schaden sowie Wolfgang Vollmer und Eusebius Wirdeier, beide DGPh).


Der Chargesheimer-Jedächtnis-Podcast wird planmäßig auf Dieter Röselers YouTube-Kanal live am Vorabend von Chargesheimers 95. Geburtstag am 18. Mai 2019 ab 20:00 Uhr aus der Lichtblick School in Köln Nippes übertragen.


Das Publikums-Interesse an dieser Veranstaltung ist überraschend groß: die Facebook-Veranstaltung hat bereits am 27. April d. J. (also noch vor Beginn aller PR-Aktivitäten der Projekt-Förderer) 1.366 Personen erreicht. Ein erstes Teaser-Video mit Wolfgang Zurborn und Dieter Röseler ist seit dem 20. April online. Das zweite, in dem Röseler und Philipp J. Bösel beim gemeinsamen Frühstück über Chargesheimer sinnieren, feierte am 27. April Premiere. Das dritte und letzte Teaser-Video schließlich, in dem Röseler auf Markus Schaden trifft, wird eine Woche vor der Veranstaltung am 11. Mai erscheinen.

https://www.youtube.com/channel/UC60nb0aYIkwCeBsEio-IzjQ

19. April 2019: Il est cinq heures, Paris s’éveille

Köln auch. Genauer: Bensberg-Lückerath. Jedenfalls dann, wenn man die noch geltende Sommerzeit außer Acht lässt.

Der volle Mond schickt sich an, malerisch hinter dem Kölner Panorama zu versinken. Dankenswerterweise exakt zur Morgendämmerung. Und obendrein in einem Winkel, der von meinem Balkonien aus betrachtet ein passables Bild verspricht.

Also: Die lange Tüte auf den Kamera-Korpus und Beides aufs Stativ… Kaffee kochen und Speicherkarte einlegen. Seit dem Blutmond im letzten Sommer hab‘ ich mich (nicht nur) lichtmalerisch mit dem Erd-Trabanten so häufig beschäftigt, dass sich die perfekte Zeit-Blenden-Kombination quasi selbsttätig einstellt.

Die Welt die monden ist | Hannelore Elsner rezitiert Rilke

Noch steht er zu hoch am Firmament, das beginnt, vom tiefen Blau der Nacht in ein zartes Purpur zu changieren. Wie amüsant… die Kardinalsfarbe. Am Kreuzigungstag.

Zeit zu sinnieren. Über Gott. Die Welt. Und über Chargesheimer, der heute in exakt einem Monat seinen 95sten Geburtstag feiern könnte. Wenn er noch lebte. Ihm würde sicher gefallen, dass die Domspitzen von hier aus nicht auszumachen sind. Einer der vierundzwanzig Nadelbäume aus Nachbars Garten verdeckt sie. Also wähl‘ ich den charakteristischen Pylon der Severinsbrücke als linke Bildbegrenzung. Und warte auf ein wenig mehr Dämmerungslicht. Und darauf, dass der Mond dem Horizont noch ein wenig weiter entgegen wandert… JETZT!

Monduntergang über Köln | 19. April 2019

5Uhr34 und 34 Sekunden würden die Metadaten der Bilddatei als Belichtungszeitpunkt ausweisen, wenn die Kamera-Uhr nicht auf Sommerzeit eingestellt wäre.

Während der Ausarbeitung des Lichtbildwerks am Rechner sehe ich, dass ein lieber Facebook-Freund mir einen YouTube-Link geschickt hat. Sting – ich mag Sting. Sehr. Im Duett mit einer Französin: „Stolen Car“. Ich bin begeistert. Sowohl vom Song als auch vom Video.

Und meine Gedanken fliegen nach Paris. Zugegeben: Meine Gefühle auch. Ich stöbere in den Zeugnissen meines letzten Aufenthalts dort und vernehme den lautlos-lauten Ruf der Stadt der Liebe, ihr baldmöglichst wieder die Ehre zu erweisen.

Paris, Montmartre | 24. Mai 2018

Je tiefer ich eintauche in die Bilddokumente, desto unbedingter ruft sie in meinem Kopf nach mir: eine Vielzahl von „Cinquante-et-uns-du-Jour“… die Bouquinistenauslagen an der Pont Neuf… schöne Weiber und gelassene Kerle am Seine-Ufer…

… und schließlich der etwas verloren wirkende junge Mann am Gare du Nord – wartet er auf die Ankunft seiner Liebsten?! Wie auch immer: „Il est cinq heures [trente-deux, sagen die Metadaten], Paris s’éveille

Morgendämmerung am Gare du Nord | 26. Mai 2018

Der Legende nach ist dieser französische Chanson mitverantwortlich für den Titel von Chargesheimers opus sumum namens „Köln 5Uhr30“. Der Kreis schließt sich. Wie ein Vollmond. Und es ist beschlossen: ich werd‘ Dich wiederseh’n, Paris mon amour.

J’arriverai. Bientôt!

Frohe Ostern allerseits!!!


©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

14. April 2019: Hebdomada sancta

Zur Feier der diesjährigen „heiligen Woche“, wie die Karwoche außerhalb des deutschsprachigen Raumes in der katholischen Liturgie genannt wird, und als kleiner Dank für die großartige Untertstützung des Podcasts „Die Besten ….“ kommen alle Abonnenten des Lichtbildner-YouTube-Kanals in den Genuss einer 50%-igen Vergünstigung für Porträt-Sitzungen und Unternehmens-Porträts.

Diese Rabatt-Aktion beginnt Palmsonntag um 10:00 Uhr und endet Karfreitag mit Freischaltung der Hedonistischen Karfreitagsliturgie von und mit Lady Dominique um 15:00 Uhr. Buchungen bitte nur via E-Mail.

Abonniere jetzt!

25. März 2019: Bastard I – V

Bastard II | 10. August 2018 | Bensberg

Inspiriert von den frühen Wolken-Arbeiten Marina Abramovics auf der einen Seite und vom Song „Bastard“ des erfolgreichsten deutschen Pop-Duos Rosenstolz andererseits hat Dieter Röseler im August 2018 die Arbeit an seinem Schwarzweiss-Zyklus Bastard aufgenommen.

Vom Balkon seiner Wohnung im rheinisch-bergischen Bensberg fängt er seither mit der Kamera triviale Wolkenformationen ein, die er in einem weiteren Arbeitsschritt spiegelt. So entstehen Faltbilder, die als Grundlage für ein psychodiagnostisches Testverfahren nach dem freudianischen Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Rorschach dienen können.

Die ersten fünf Bildtafeln legt er nun als optische Untermalung für das titelgebende Musikstück vor:


©2019 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.

8. Januar 2019: Vorläufiges Fazit der Bankenkrise

Heute vor exakt 10 Jahren wurde bekannt, dass der Bund 25% plus 1 Aktie der Commerzbank übernommen, sich also mit insgesamt 18,2 Mrd. (in Zahlen: 18.200.000.000,00) Euro in Deutschlands damals zweitgrößter Bank engagiert hatte.

In „Staatliche Hilfen für die Commerzbank AG – Eine vorläufige Bilanz“ nimmt der Fachbereich WD 4 (Haushalt und Finanzen) des Deutschen Bundestages am 21. Juni 2017 unter dem Aktenzeichen WD 4 – 3000 – 052/17 in Punkt 3 „Vorläufiges Fazit“ auf Seite 9 wie folgt Stellung zu diesem Engagement:

[… Der Bund] hält derzeit nach diversen Kapitalerhöhungen noch 15,6 Prozent der Aktien der Commerzbank AG (Stand 31. Dezember 2016). Für die Aktien zahlte er damals insgesamt 5,1 Mrd. Euro. Der Wert dieses Aktienpakets betrug am 31. Dezember 2015 1,9 Mrd. Euro. Im Mai 2017 ist der Wert auf ca. 1,7 Mrd. Euro gesunken. […]

*** 2008 | Frankfurt am Main | Commerzbank-Rettungsschirm *** Exzerpt von Deutschland 5Uhr30 – #d5h30 *** Hommage an Chargesheimers Köln 5Uhr30 ***|||*** „Der Rettungsschirm für die Commerzbank ist aufgespannt: Das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut und der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) einigten sich am Freitag in Frankfurt auf die genauen Konditionen der stillen Staatseinlage von 8, 2 Mrd. Euro. Sie fließt zum 31.12. dieses Jahres in einer Tranche und wird mit neun Prozent jährlich verzinst, teilte die Commerzbank am Abend mit.“ (Handelsblatt am 19. Dezember 2008 um 19Uhr45, abgerufen am 20. September 2015

Bis heute, so meldet die ARD, sei der Wert auf nur noch 1,2 Mrd. Euro zusammengeschnurrt.

Honi soit qui mal y pense.


©2015 für das Lichtbildwerk: Dieter Röseler | ©2019 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

31. Dezember 2018: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Dieser Satz feiert im vor der Türe stehenden Jahr 2019 seinen 60. Geburtstag. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann prägt ihn am 17. März 1959 während einer Rede im Bonner Bundeshaus. Seit 1973 ziert er ihren Grabstein auf dem Klagenfurter Zentralfriedhof Annabichl.

Bis zur halben Wegstrecke des Zeitstrahls seither in Richtung Gegenwart wird dieser Satz sehr gerne von Alfred Herrhausen zitiert. So gerne und häufig, dass so Mancher den Ursprung des Satzes schon diesem Ausnahmebanker und Querdenker der Bonner Republik zuschreibt.

Dieser brillante Mann war seiner Zeit in Vielem voraus: so bringt er bereits 1987 auf großer Bühne (während einer Tagung der Weltbank in Washington) einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer ins Gespräch – eine Idee, die zu seiner Zeit so unerhört, so undenkbar ist, dass er nicht selten dafür öffentlich angefeindet wird. Zum Beispiel vom Chef der Commerzbank, der ihm „unsolidarisches Verhalten“ gegenüber anderen Banken vorwirft. Und von seinem Nachfolger auf dem Sessel des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, „Peanuts“-Hilmar Kopper, der diesen Gedanken als „intellektuelle Bemerkung“ abtut. Zwölf Jahre später erst unterbreiten die G8-Staaten der Weltbank und dem IWF auf dem Kölner Gipfel einen auf Herrhausens Ideen basierenden Vorschlag. Diese wiederum verabschieden zur Jahrtausendwende diesen Vorschlag und setzen ihn seither im Rahmen der sogenannten HIPC-Initiative um.

Schon am 20. November 1989 – 11 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer – plädiert Herrhausen in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bereits für die deutsche Wiedervereinigung. Auf die pointierte Frage: „Reicht es Ihnen als Unternehmer und Banker nicht, wenn die DDR zuerst assoziiertes und später vielleicht einmal volles Mitglied der EG wird?“, antwortet er: „Als Banker und Unternehmer müßte ich damit wohl zufrieden sein. Ich würde als deutscher Staatsbürger bedauern, wenn wir auf Wiedervereinigung ein für allemal verzichten würden.“

10 Tage später verblutet Alfred Herrhausen infolge seiner Verletzungen. Unter bis heute nicht geklärten Umständen ist es der RAF am 30. November 1989 möglich, einen feigen Bombenanschlag auf ihn zu verüben. Obwohl es schon Wochen zuvor Hinweise gibt, dass ein Anschlag der Linksterroristen gegen Herrhausen geplant werde, wird das üblicherweise vorausfahrende Begleitfahrzeug an diesem Morgen kurz vorher abgezogen. Der angebliche Kronzeuge Siegfried Nonne bezichtigt Mitte 1992 hessische Verfassungsschützer, ihn mit kaum verhohlenen Morddrohungen zu einer Falschaussage genötigt zu haben. Dieser Vorwurf wird von Aussagen eines BKA-Mitarbeiters gestützt.

Exzerpt von „Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“ | Hommage an Chargesheimers „Köln 5Uhr30“

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“, steht heute auch eingemeißelt auf einer der drei Gedenkstelen an Alfred Herrhausens Attentats- und Gedenkort.

Wie augenscheinlich schon 1992 vertritt das hessische Landesamt für Verfassungsschutz auch 2017 wieder die Antithese zum Titelsatz: ein interner Bericht in Bezug auf den NSU-Komplex wird mit einer Sperrfrist von sagenhaften 120 (in Worten: einhundertundzwanzig) Jahren belegt, wie u. A. Susanne Höll in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Oberster Dienstherr der hessischen Verfassungsschützer ist von April 1999 bis August 2010 – also während aller vom NSU begangenen Morde – übrigens Volker Bouffier; seither Ministerpräsident Hessens.

Exzerpt der Werkreihe #minnsche

Ende 2018 schließlich erschüttert die Geschichte des vielfach preisgekrönten Blenders Claas Relotius die (Medienlandschaft der) Berliner Republik: die Story eines jungen geltungssüchtigen Mannes, dem es ein ganzes Jahrzehnt lang gelingt, fast allen namhaften deutschsprachigen Printmedien – allen voran dem Spiegel – erdichtete Scheinwelten als Realität zu verkaufen.

Spiegel-Impressum von Heft 52/2018

Die vornehmste Aufgabe d e s deutschen Investigativ-Magazins im kommenden Jahr dürfte sein, seiner Leserschaft zu erklären, wie und warum das so lange möglich war. Denn Ingeborg Bachmann hatte Recht, als sie sagte:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

In diesem Sinne: Ein Frohes, Gutes und Wahres Neues Jahr!


©2006, 2010, 2015 und 2018 für die Bildbeiträge: Dieter Röseler | ©2018 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

29. Dezember 2018: Fichtners Fiasko

Der tiefe Fall des talentierten Herrn R.

Er kann stolz auf sich sein. Und er ist es auch, während er zärtlich das filigrane Türchen der Glasvitrine öffnet, in der die Auszeichnungen und Preise seiner Laufbahn ein beredtes, wenn auch stummes Zeugnis über seine außerordentliche Befähigung zu Höherem ablegen. Schon seit geraumer Zeit ist ihm das Polieren der funkelnden Kristall- und Edelmetallflächen am Wochenanfang ein liebgewonnenes und mit Hingabe zelebriertes Ritual. „Ihr seid der Spiegel meines Wirkens“, murmelt der Ausnahme-Journalist halblaut. Und selbstzufrieden. Nicht nur ob des gelungenen kleinen Wortspiels. Sondern vor Allem, weil der nächste Sprung seiner Bilderbuchkarriere unmittelbar bevorsteht. Er ahnt an diesem ungewöhnlich warmen Herbstmorgen noch nicht, welches Unwetter sich außerhalb seines Gesichtsfeldes zusammenbraut. Nicht im Geringsten. Ein Sturm, dessen Zerstörungskraft keinen Stein seines Lebens auf dem anderen wird stehenlassen.

So sieht der szenische Einstieg zu einer großen und preisverdächtigen Reportage aus. Seit Jahren schon. Frei und wortreich nach des Spiegel-Gründers Credo: „Sagen, was gefühlt, gedacht, gemurmelt sein worden könnte“. Statt kurz und knapp dem Original-Motto: „Sagen, was ist.“ folgend.

Eine Laune der Natur, dass dieser Auftakt-Akkord nicht nur das Porträt des Fälschers Claas-Hendrik Relotius einleiten kann, sondern auch genauso gut und (unzu)treffend die Hausmitteilung über den Einzug Ullrich Fichtners in die Chefredaktion an der Hamburger Ericusspitze? Wohl kaum. Das ist schlicht dem perfiden Zuspitzungscharakter des Autors geschuldet.

Keine Frage, im direkten Vergleich zu Mercedes-Benz 1997 („Ich bitte Sie – wegen einem umgekippten Auto geb‘ ich doch kein Interview!“) und Audi im Jahre 2000 (Das Fahrverhalten des Audi TT zeige „weder einen Mangel im Sinne der Gewährleistung noch einen Fehler im Sinne des Produkthaftungsrechts“. Kunden hätten demzufolge „grundsätzlich keinen Anspruch auf Rückkauf“) ist das Krisenmanagement des Hamburger Nachrichtenmagazins heuer weit vorne:

„Wir haben in den letzten Tagen versucht vor der Welle zu bleiben […] und uns nicht von Anderen vorführen zu lassen“, spricht Steffen Klusmann, der designierte Vorsitzende der Spiegel-Chefredaktion, am Erscheinungstag von Heft 52 am Samstag vor Weihnachten ins Tagesthemen-Mikrofon. Und auch der Gedanke, schon in dieser frühen Phase der Spiegel-Affäre 2.0 den sachlichen Dialog mit einem seriösen und über jeden Zweifel erhabenen Journalisten wie Giovanni di Lorenzo zu suchen, verdient Respekt. Und Achtung.

Der Bock wird zum Gärtner. Gemacht.

Dass nun aber gerade Klusmanns künftiger Chefredakteurs-Kollege Ullrich Fichtner verantwortlich zeichnen darf für das journalistische Machwerk, in dem der Hochstapler Relotius am 19. Dezember 2018 vor aller Welt enttarnt wird, hat einen rasch wahrnehmbaren und auch strengen Hautgout. Denn Fichtner war es, der als großer Förderer des jungen Superstars viel dazu beigetragen hat, den seinerzeit erst 26-jährigen Relotius seit 2011 immer enger an das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu binden. Pointierter formuliert: Fichtner hat dem Spiegel die Laus Relotius erst in den Pelz gesetzt.

Dass diese – sicher sehr schmerzhafte – Nabelschau im Gewand einer „Mischung aus Kulturreportage und Essay“ daherkommt, ist nicht minder verstörend, denn „das schön Geschriebene, das spannend Geschriebene“ sei „Teil dessen, was Ihnen jetzt im Fall Relotius vorgeworfen wird. Eine nüchterne Darstellung ohne Atmosphärisches hätte ich passender gefunden, und es hätte mich persönlich auch mehr vom Aufklärungswillen der Redaktion überzeugt.“, erläutert Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und spricht damit nicht nur Klartext, sondern auch mir aus der Seele. Da Ullrich Fichtner aber – aus welchen Gründen auch immer – das mehrheitliche „Placet“ seiner Redaktion für eine gefühlige Reportage bekommen hat, kann der gebürtige Oberfranke seinen gefallenen Engel auf sieben langen Seiten – zugegeben: rhetorisch brillant – mit jedem Satz ein wenig höher hängen. Und er tut es auch. Es wäre nur allzu menschlich, wenn blinde Wut und Enttäuschung über den Sündenfall des Claas-Hendrik Relotius Herrn Fichtner hierbei die Feder geführt hätten.

Eine auch nur halbwegs nachvollziehbare Erklärung dafür, wie und warum ein blutjunger Mann sieben lange Jahre nach Herzenslust Details und ganze Geschichten erfinden, mithin die laut aktuellem Impressum 62 Köpfe starke Dokumentation und 17 Schlußredakteure nachhaltig und dauerhaft hinters Licht führen konnte, bleibt er hingegen schuldig. Schade. Doppelt schade, denn dass es Hochstapler auf dieser Welt gibt, ist nicht wirklich eine neue Erkenntnis – die Antwort hingegen auf die Frage, wie es jemand zuwege gebracht haben mag, die legendären Sicherungssysteme des Spiegel nachhaltig jahrelang außer Kraft zu setzen, hätte durchaus einen gewissen Nachrichtenwert.

Die Einzeltäter-Theorie

„Wir haben es – man muss es glaub‘ ich so sagen – mit einem genialen Einzeltäter zu tun.“ So fränkelt Fichtner in Sonderfolge 62 des kostenpflichtigen Spiegel-Podcasts „Sagen, was ist.“ Das ist eine – mutmaßlich zum Schutze aller ehrlich arbeitenden Journalisten gut gemeinte – Tatsachenbehauptung. Eine, die in den restlichen 28 1/2 Minuten jedoch durch nichts gestützt wird. Was bedauerlicherweise dem Gedanken Vorschub leistet, dass die Einzeltäter-Theorie im vorliegenden Fall einen ähnlichen Wahrheitsgehalt haben könnte wie im NSU-Komplex.

Es ist ja keine schöne Geschichte“

Stattdessen ergeht sich der – wie Relotius auch mit vielen Preisen für seine Erzählkunst dekorierte – Fichtner in einer weiteren detailverliebt-gefühligen Schilderung: „Es ist ja keine schöne Geschichte, aber es hat Elemente von einem Film […] Wir verdanken es dann nach Juan Moreno Özlem Gezer, das ist die stellvertretende Leiterin des Gesellschafts-Ressorts, und ihrer Menschenkenntnis auch so’n bißchen, die in dem Moment, als sich die Hinweise immer weiter verdichten, einfach eines Abends sich ’n Auto mietet auf der Straße, zu Relotius vor die Tür fährt und sagt: „Claas, Du kommst jetzt hier runter oder ich komm‘ hoch – ich will jetzt wissen, was hier los ist.““ Wenn ich mich dieser mit einem sanften süddeutsch eingefärbtem Timbre überzogenen sonoren Erzähl-Stimme hingebe, entsteht sofort das Filmplakat vor meinem Inneren Auge, auf dem in großen Lettern prangt: Regie – Florian Henckel von Donnersmarck | Hauptdarsteller – Matthias Schweighöfer … und Drehbuch: Ullrich Fichtner.

Zwischenfazit

„Das System Claas R. bricht zusammen“, soll Fichtner lakonisch in einer SMS zum Thema mitgeteilt haben. Ich möchte hinzufügen: Der Spiegel hat nicht nur in den vergangenen sieben Jahren im Hinblick auf das Wirken des Betrügers Claas-Hendrik Relotius auf ganzer Linie mit all seinen hochgelobten und ebenso gefürchteten Sicherungssystemen versagt. Leider hat er auch beim ersten Anlauf der Aufarbeitung der Spiegel-Affäre 2.0 das Thema verfehlt. Sechs. Setzen. Und zügig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ob nun von Giovanni di Lorenzo, Stefan Aust oder Georg Mascolo ist einerlei.

Update

Vor viereinhalb Stunden hat ZEIT Online vermeldet, dass Ullrich Fichtner seinen noch nicht angetretenen Posten in der Chefredaktion zur Verfügung gestellt habe und Klusmann den Vertrag der durchaus verdienten Edelfeder aussetzen will. GUTE Entscheidung!!! Seit dem 19. Dezember ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein allererster. Chapeau, Herr Klusmann. Weiter so! Bitte.


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