31. Dezember 2018: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Dieser Satz feiert im vor der Türe stehenden Jahr 2019 seinen 60. Geburtstag. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann prägt ihn am 17. März 1959 während einer Rede im Bonner Bundeshaus. Seit 1973 ziert er ihren Grabstein auf dem Klagenfurter Zentralfriedhof Annabichl.

Bis zur halben Wegstrecke des Zeitstrahls seither in Richtung Gegenwart wird dieser Satz sehr gerne von Alfred Herrhausen zitiert. So gerne und häufig, dass so Mancher den Ursprung des Satzes schon diesem Ausnahmebanker und Querdenker der Bonner Republik zuschreibt.

Dieser brillante Mann war seiner Zeit in Vielem voraus: so bringt er bereits 1987 auf großer Bühne (während einer Tagung der Weltbank in Washington) einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer ins Gespräch – eine Idee, die zu seiner Zeit so unerhört, so undenkbar ist, dass er nicht selten dafür öffentlich angefeindet wird. Zum Beispiel vom Chef der Commerzbank, der ihm „unsolidarisches Verhalten“ gegenüber anderen Banken vorwirft. Und von seinem Nachfolger auf dem Sessel des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, „Peanuts“-Hilmar Kopper, der diesen Gedanken als „intellektuelle Bemerkung“ abtut. Zwölf Jahre später erst unterbreiten die G8-Staaten der Weltbank und dem IWF auf dem Kölner Gipfel einen auf Herrhausens Ideen basierenden Vorschlag. Diese wiederum verabschieden zur Jahrtausendwende diesen Vorschlag und setzen ihn seither im Rahmen der sogenannten HIPC-Initiative um.

Schon am 20. November 1989 – 11 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer – plädiert Herrhausen in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bereits für die deutsche Wiedervereinigung. Auf die pointierte Frage: „Reicht es Ihnen als Unternehmer und Banker nicht, wenn die DDR zuerst assoziiertes und später vielleicht einmal volles Mitglied der EG wird?“, antwortet er: „Als Banker und Unternehmer müßte ich damit wohl zufrieden sein. Ich würde als deutscher Staatsbürger bedauern, wenn wir auf Wiedervereinigung ein für allemal verzichten würden.“

10 Tage später verblutet Alfred Herrhausen infolge seiner Verletzungen. Unter bis heute nicht geklärten Umständen ist es der RAF am 30. November 1989 möglich, einen feigen Bombenanschlag auf ihn zu verüben. Obwohl es schon Wochen zuvor Hinweise gibt, dass ein Anschlag der Linksterroristen gegen Herrhausen geplant werde, wird das üblicherweise vorausfahrende Begleitfahrzeug an diesem Morgen kurz vorher abgezogen. Der angebliche Kronzeuge Siegfried Nonne bezichtigt Mitte 1992 hessische Verfassungsschützer, ihn mit kaum verhohlenen Morddrohungen zu einer Falschaussage genötigt zu haben. Dieser Vorwurf wird von Aussagen eines BKA-Mitarbeiters gestützt.

Exzerpt von „Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“ | Hommage an Chargesheimers „Köln 5Uhr30“

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“, steht heute auch eingemeißelt auf einer der drei Gedenkstelen an Alfred Herrhausens Attentats- und Gedenkort.

Wie augenscheinlich schon 1992 vertritt das hessische Landesamt für Verfassungsschutz auch 2017 wieder die Antithese zum Titelsatz: ein interner Bericht in Bezug auf den NSU-Komplex wird mit einer Sperrfrist von sagenhaften 120 (in Worten: einhundertundzwanzig) Jahren belegt, wie u. A. Susanne Höll in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Oberster Dienstherr der hessischen Verfassungsschützer ist von April 1999 bis August 2010 – also während aller vom NSU begangenen Morde – übrigens Volker Bouffier; seither Ministerpräsident Hessens.

Exzerpt der Werkreihe #minnsche

Ende 2018 schließlich erschüttert die Geschichte des vielfach preisgekrönten Blenders Claas Relotius die (Medienlandschaft der) Berliner Republik: die Story eines jungen geltungssüchtigen Mannes, dem es ein ganzes Jahrzehnt lang gelingt, fast allen namhaften deutschsprachigen Printmedien – allen voran dem Spiegel – erdichtete Scheinwelten als Realität zu verkaufen.

Spiegel-Impressum von Heft 52/2018

Die vornehmste Aufgabe d e s deutschen Investigativ-Magazins im kommenden Jahr dürfte sein, seiner Leserschaft zu erklären, wie und warum das so lange möglich war. Denn Ingeborg Bachmann hatte Recht, als sie sagte:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

In diesem Sinne: Ein Frohes, Gutes und Wahres Neues Jahr!


©2006, 2010, 2015 und 2018 für die Bildbeiträge: Dieter Röseler | ©2018 Text: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

29. Dezember 2018: Fichtners Fiasko

Der tiefe Fall des talentierten Herrn R.

Er kann stolz auf sich sein. Und er ist es auch, während er zärtlich das filigrane Türchen der Glasvitrine öffnet, in der die Auszeichnungen und Preise seiner Laufbahn ein beredtes, wenn auch stummes Zeugnis über seine außerordentliche Befähigung zu Höherem ablegen. Schon seit geraumer Zeit ist ihm das Polieren der funkelnden Kristall- und Edelmetallflächen am Wochenanfang ein liebgewonnenes und mit Hingabe zelebriertes Ritual. „Ihr seid der Spiegel meines Wirkens“, murmelt der Ausnahme-Journalist halblaut. Und selbstzufrieden. Nicht nur ob des gelungenen kleinen Wortspiels. Sondern vor Allem, weil der nächste Sprung seiner Bilderbuchkarriere unmittelbar bevorsteht. Er ahnt an diesem ungewöhnlich warmen Herbstmorgen noch nicht, welches Unwetter sich außerhalb seines Gesichtsfeldes zusammenbraut. Nicht im Geringsten. Ein Sturm, dessen Zerstörungskraft keinen Stein seines Lebens auf dem anderen wird stehenlassen.

So sieht der szenische Einstieg zu einer großen und preisverdächtigen Reportage aus. Seit Jahren schon. Frei und wortreich nach des Spiegel-Gründers Credo: „Sagen, was gefühlt, gedacht, gemurmelt sein worden könnte“. Statt kurz und knapp dem Original-Motto: „Sagen, was ist.“ folgend.

Eine Laune der Natur, dass dieser Auftakt-Akkord nicht nur das Porträt des Fälschers Claas-Hendrik Relotius einleiten kann, sondern auch genauso gut und (unzu)treffend die Hausmitteilung über den Einzug Ullrich Fichtners in die Chefredaktion an der Hamburger Ericusspitze? Wohl kaum. Das ist schlicht dem perfiden Zuspitzungscharakter des Autors geschuldet.

Keine Frage, im direkten Vergleich zu Mercedes-Benz 1997 („Ich bitte Sie – wegen einem umgekippten Auto geb‘ ich doch kein Interview!“) und Audi im Jahre 2000 (Das Fahrverhalten des Audi TT zeige „weder einen Mangel im Sinne der Gewährleistung noch einen Fehler im Sinne des Produkthaftungsrechts“. Kunden hätten demzufolge „grundsätzlich keinen Anspruch auf Rückkauf“) ist das Krisenmanagement des Hamburger Nachrichtenmagazins heuer weit vorne:

„Wir haben in den letzten Tagen versucht vor der Welle zu bleiben […] und uns nicht von Anderen vorführen zu lassen“, spricht Steffen Klusmann, der designierte Vorsitzende der Spiegel-Chefredaktion, am Erscheinungstag von Heft 52 am Samstag vor Weihnachten ins Tagesthemen-Mikrofon. Und auch der Gedanke, schon in dieser frühen Phase der Spiegel-Affäre 2.0 den sachlichen Dialog mit einem seriösen und über jeden Zweifel erhabenen Journalisten wie Giovanni di Lorenzo zu suchen, verdient Respekt. Und Achtung.

Der Bock wird zum Gärtner. Gemacht.

Dass nun aber gerade Klusmanns künftiger Chefredakteurs-Kollege Ullrich Fichtner verantwortlich zeichnen darf für das journalistische Machwerk, in dem der Hochstapler Relotius am 19. Dezember 2018 vor aller Welt enttarnt wird, hat einen rasch wahrnehmbaren und auch strengen Hautgout. Denn Fichtner war es, der als großer Förderer des jungen Superstars viel dazu beigetragen hat, den seinerzeit erst 26-jährigen Relotius seit 2011 immer enger an das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu binden. Pointierter formuliert: Fichtner hat dem Spiegel die Laus Relotius erst in den Pelz gesetzt.

Dass diese – sicher sehr schmerzhafte – Nabelschau im Gewand einer „Mischung aus Kulturreportage und Essay“ daherkommt, ist nicht minder verstörend, denn „das schön Geschriebene, das spannend Geschriebene“ sei „Teil dessen, was Ihnen jetzt im Fall Relotius vorgeworfen wird. Eine nüchterne Darstellung ohne Atmosphärisches hätte ich passender gefunden, und es hätte mich persönlich auch mehr vom Aufklärungswillen der Redaktion überzeugt.“, erläutert Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und spricht damit nicht nur Klartext, sondern auch mir aus der Seele. Da Ullrich Fichtner aber – aus welchen Gründen auch immer – das mehrheitliche „Placet“ seiner Redaktion für eine gefühlige Reportage bekommen hat, kann der gebürtige Oberfranke seinen gefallenen Engel auf sieben langen Seiten – zugegeben: rhetorisch brillant – mit jedem Satz ein wenig höher hängen. Und er tut es auch. Es wäre nur allzu menschlich, wenn blinde Wut und Enttäuschung über den Sündenfall des Claas-Hendrik Relotius Herrn Fichtner hierbei die Feder geführt hätten.

Eine auch nur halbwegs nachvollziehbare Erklärung dafür, wie und warum ein blutjunger Mann sieben lange Jahre nach Herzenslust Details und ganze Geschichten erfinden, mithin die laut aktuellem Impressum 62 Köpfe starke Dokumentation und 17 Schlußredakteure nachhaltig und dauerhaft hinters Licht führen konnte, bleibt er hingegen schuldig. Schade. Doppelt schade, denn dass es Hochstapler auf dieser Welt gibt, ist nicht wirklich eine neue Erkenntnis – die Antwort hingegen auf die Frage, wie es jemand zuwege gebracht haben mag, die legendären Sicherungssysteme des Spiegel nachhaltig jahrelang außer Kraft zu setzen, hätte durchaus einen gewissen Nachrichtenwert.

Die Einzeltäter-Theorie

„Wir haben es – man muss es glaub‘ ich so sagen – mit einem genialen Einzeltäter zu tun.“ So fränkelt Fichtner in Sonderfolge 62 des kostenpflichtigen Spiegel-Podcasts „Sagen, was ist.“ Das ist eine – mutmaßlich zum Schutze aller ehrlich arbeitenden Journalisten gut gemeinte – Tatsachenbehauptung. Eine, die in den restlichen 28 1/2 Minuten jedoch durch nichts gestützt wird. Was bedauerlicherweise dem Gedanken Vorschub leistet, dass die Einzeltäter-Theorie im vorliegenden Fall einen ähnlichen Wahrheitsgehalt haben könnte wie im NSU-Komplex.

Es ist ja keine schöne Geschichte“

Stattdessen ergeht sich der – wie Relotius auch mit vielen Preisen für seine Erzählkunst dekorierte – Fichtner in einer weiteren detailverliebt-gefühligen Schilderung: „Es ist ja keine schöne Geschichte, aber es hat Elemente von einem Film […] Wir verdanken es dann nach Juan Moreno Özlem Gezer, das ist die stellvertretende Leiterin des Gesellschafts-Ressorts, und ihrer Menschenkenntnis auch so’n bißchen, die in dem Moment, als sich die Hinweise immer weiter verdichten, einfach eines Abends sich ’n Auto mietet auf der Straße, zu Relotius vor die Tür fährt und sagt: „Claas, Du kommst jetzt hier runter oder ich komm‘ hoch – ich will jetzt wissen, was hier los ist.““ Wenn ich mich dieser mit einem sanften süddeutsch eingefärbtem Timbre überzogenen sonoren Erzähl-Stimme hingebe, entsteht sofort das Filmplakat vor meinem Inneren Auge, auf dem in großen Lettern prangt: Regie – Florian Henckel von Donnersmarck | Hauptdarsteller – Matthias Schweighöfer … und Drehbuch: Ullrich Fichtner.

Zwischenfazit

„Das System Claas R. bricht zusammen“, soll Fichtner lakonisch in einer SMS zum Thema mitgeteilt haben. Ich möchte hinzufügen: Der Spiegel hat nicht nur in den vergangenen sieben Jahren im Hinblick auf das Wirken des Betrügers Claas-Hendrik Relotius auf ganzer Linie mit all seinen hochgelobten und ebenso gefürchteten Sicherungssystemen versagt. Leider hat er auch beim ersten Anlauf der Aufarbeitung der Spiegel-Affäre 2.0 das Thema verfehlt. Sechs. Setzen. Und zügig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ob nun von Giovanni di Lorenzo, Stefan Aust oder Georg Mascolo ist einerlei.

Update

Vor viereinhalb Stunden hat ZEIT Online vermeldet, dass Ullrich Fichtner seinen noch nicht angetretenen Posten in der Chefredaktion zur Verfügung gestellt habe und Klusmann den Vertrag der durchaus verdienten Edelfeder aussetzen will. GUTE Entscheidung!!! Seit dem 19. Dezember ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein allererster. Chapeau, Herr Klusmann. Weiter so! Bitte.


©2018 Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

22. Dezember 2018: Neue Männer hat das Land

Und damit den Salat.

Liebe Ina Deter,

bevor selbst ich mich nach wochenlanger Verweigerungshaltung auf der Schlußgeraden dann doch auch noch dem vom Zeitgeist oktroyierten Vorweihnachtskaufrausch überMANNen lassen muss, nutze ich die letzten besinnlichen Stunden in meinem Lieblings-Café Amelie für diese offenen Zeilen an Dich… ich hätte sie Dir gerne – sehr gerne sogar – comme il faut privat zugesendet. Aber Du hast Dir ja so wirksam Frodos Unsichtbarkeitsjöppchen umgeworfen, dass selbst das ansonsten allwissende Wikipedia keine Ahnung hat, ob Du grad in der Hauptstadt, in Spanien oder JottWeeDee weilst.

Schau’ sie Dir mal ganz in Ruhe an, die Geister, die Du vor 36 Jahren riefst und komm mir jetzt nicht mit der lahmen Entschuldigung, dass Du jung gewesen seiest und das Geld gebraucht hättest:

          Jens Spahn               Bernd Höcke | Markus Söder | Karl Lauterbach | Anton Hofreiter

Komm’ raus aus Deinem Versteck, liebe Ina, und stell’ Dich Deiner gesellschaftlichen Mitverantwortung für diesen erbärmlichen Status Quo in Deutschland.

Weißt Du, wenn es sich nur darum handeln würde, dass Du mir mit Deinem (noch nicht einmal #1-, aber immerhin dann doch:) Hit-Wunder meine Adoleszenz sowas von versaut hättest, würd’ ich heute nur müde lächeln… nach drei Therapien hab’ ich meinen Frieden damit gefunden, dass gefühlte 90% aller xx-chromosomalen Wesen meiner Pubertätsaltersklasse hennagefärbt auf der Tanzfläche der Disco im evangelischen Jugendheim Köln-Kalk zu Deinen polemisierenden Liedermacherinnen-Versen verzückt rumzappelten und in keinster Weise empfänglich waren für meine ersten zarten Werbeversuche. Auch der Umstand, dass ich hernach noch für Jahrzehnte dem Irrglauben anhing, dass Frauen grundsätzlich langsam kämen, ist Teil Deiner Verantwortung für mein armes kleines, lange Jahre fehlgeleitetes Leben. Aber: geschenkt. Ehrlich.

Was jedoch das oben abgebildete Quintett des Grauens angeht: über diese allergrößte Sorgen bereitende Entwicklung in diesem unserem Lande kann und darf ich nicht länger das gnadenvolle Mäntelchen des Schweigens hüllen. Das wird mir an diesem besinnlich-friedlichen vierten Adventssamstag 2018 immer bewußter. Diese „MÄNNER“ sind die Ernte Deiner Saat. Deren Allpräsenz in den Medien und an den Schaltstellen der Macht verpasst unserer ehedem wunderschönen Leitkultur (vielen Dank, HERR März (mit „e“), für diese Wortschöpfung) seit Jahren immer häufiger ein führendes „G“ – ohne Punkt, wohlgemerkt.

Ich fordere Dich auf, mir im nächsten Jahr Rede und Antwort zu stehen, Du Powerfrau des Fin de Siècle. Es läßt sich einfach nicht mehr daran vorbeiblicken, dass Du ganz im Gegensatz zu Mephistopheles ein Teil der Kraft bist, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.

Ruf. Mich. An. Ich freue mich auf eine weich aber unfair geführte Debatte in meinem neuen Podcast-Format „Die Besten im Westen – Im Osten nur Kosten?!“ Die wenigstens bist Du mir, vor Allem aber Deinem Land schuldig.

Hochgradig verärgert, Dein Dieter


©2018 für den Wortbeitrag: Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten | all rights reserved

Lichtbilder v. l. n. r.: ©2018 Olaf Kosinski | ©2015 Alexander Dalbert | ©2016 Superbass | ©2018 Martin Kraft | ©2014 Foto-AG Gymnasium Melle – Quelle aller Lichtbilder: Wikipedia

7. September 2018: Berliner Polizei verschlampt Personalausweis

StaatsdienerInnen vertuschen wochenlang ihre Inkompetenz und mutmaßliche Schludrigkeit – gedeckt von der Polizeipräsidentin in Berlin

Die Ausgangslage: am frühen Morgen des 23. August wird der Berliner Polizei frühmorgens am Zentralen Omnibusbahnhof im Nachtschatten des Westberliner Funkturms von einem Dieb mein Personalausweis ausgehändigt.

Der weitere Verlauf, in welchem ich mich bemühe, wieder in den Besitz meines amtlichen Ausweisdokuments zu gelangen, mutet an wie eine der lustigen Geschichten aus Schilda – lustig sind diese ja nur, weil sie Fiktion sind. In der Realität sind sie meistens mindestens peinlich. Jedenfalls für die Hauptakteure der jeweiligen Posse. Zurück zur – leider wahren – Geschichte:

Am Morgen des 24. August – ich befinde mich noch nichtsahnend auf der Dachterrasse eines sehr guten Freundes in Kreuzberg und genieße den traumhaft-schönen Sonnenaufgang über der Hauptstadt – ist weder das Büro der Polizeipräsidentin in Berlin noch die Polizeidirektion 3 – Abschnitt 32 telefonisch erreichbar. Anrufversuche laufen minutenlang ins Leere. Um kurz vor 9 Uhr morgens.

Am Abend des 25. August schließlich – in der Zwischenzeit zeitigten meine Recherchen das Ergebnis, dass sich mein Personalausweis im PK 24 auf dem Kaiserdamm befinde – geruht der Diensthabende, ans Telefon zu gehen. Zum Glück für mich während eines meiner nicht wenigen Anrufversuche. Dieser Diensthabende nun gibt mir die Information, dass mein Personalauweis routinemäßig als Fundsache behandelt worden sei und er demzufolge schon am Vortag seinen Weg ins Zentrale Fundbüro am Platz der Luftbrücke angetreten habe. Das Fundbüro sei erst am übernächsten Morgen – dem Montagmorgen telefonisch zu erreichen. Ab 8 Uhr.

Ab da geht es Schlag auf Schlag.

27. August, 8 Uhr morgens: Mein angeblich „gefundener“ Personalausweis ist im Zentralen Fundbüro unauffindbar.

27. August, 18Uhr55: Ich erstatte bei der Direktion 2 der Berliner Polizei schriftlich per E-Mail Strafanzeige gegen den Dieb gem. §§ 132 und 242 StGB (Amtsanmaßung und Diebstahl). Im gleichen Zuge erbitte ich eine amtliche Verlustbescheinigung, die ich dringend benötige.

30. August, 8Uhr31: Die Polizeibeamtin Janine L. vom Abschnitt 22 der Polizeidirektion 2 kommt mit einer neuen Version über den Verbleib meines Ausweises um die Ecke. Schriftlich. In einer E-Mail. Nun sei mein Personalausweis bereits am 23. August an das Bürgeramt in meinem Wohnort versendet worden. Meine telefonische Nachfrage, ob dieser Brief mit einfacher Post – also nicht nachverfolgbar – gesendet wurde, bejahte die zu diesem Zeitpunkt noch freundliche Janine. Dass er nicht auf direktem Wege an meine Meldeanschrift gesendet worden ist, die ja auf dem Personalausweis steht, hätte mich schon stutzig machen können. Und auch sollen, wie der weitere Verlauf dieser unseligen Causa noch zeigen wird.

3. September, 21Uhr11: Meiner Bürgerspflicht folgend informiere ich Janine L. und auch die Polizeidirektion 2 schriftlich darüber, dass mein Personalausweis weder behördlicherseit verlustig gemeldet worden noch in meinem Bürgeramt angekommen sei. Gleichzeitig erbitte ich Informationen darüber, ob meine Strafanzeigen aufgenommen worden sind. Schließlich erfrage ich noch den Sachstand in Bezug auf die erbetene Verlustbescheinigung und die amtliche Verlustmeldung.

4. September, 9Uhr32: Die in zunehmend gereizter Diktion schreibende Janine zündet in ihrer Antwort-E-Mail einige auf Behördendeutsch abgefasste rhetorische Nebelkerzen, ohne auch nur eine meiner Fragen vom Vorabend zu beantworten.

4. September, 9Uhr48: Ich erbitte erneut bei Janine die Beantwortung meiner sachlich simplen Fragen. Bis 12 Uhr mittags.

4. September, 12Uhr59: Janine spielt „Tote Frau“ und bewegt sich nicht mehr. Jedenfalls für mich nicht wahrnehmbar, so dass ich mich mit meinem Anliegen schriftlich an ihre oberste Dienstherrin, die Polizeipräsidentin in Berlin, Frau Dr. Slowik, wende.

6. September, 8Uhr16: Janine raspelt plötzlich Süßholz. Sie schreibt wörtlich:

[…] gern teilen wir Ihnen die Vorgangsnummer bezüglich des Diebstahls und der Amtsanmaßung mit […]

6. September, 8Uhr33: Der von Janine beigefügten „Bestätigung einer Strafanzeige“ ist zu entnehmen, dass der Vorgang erst am Vortag aufgenommen worden ist. Mithin schlappe 9 (in Worten: neun) Tage nach Erstattung meiner Anzeige. Ich erbitte bei Janine eine Erklärung dafür.

6. September, 14Uhr3: Janine ist offenkundig wieder in ihr „Tote-Frau“-Katatonie verfallen, so dass ich mich genötigt sehe, erneut die Polizeipräsidentin um die Beantwortung meiner seit bereits drei Tagen ungeklärten Fragen zu bitten.

6. September, 14Uhr53: Statt Antworten zu geben, beschließt Frau Dr. Slowik,  einen frischen Spieler einzuwechseln: Polizeikommissar W. aus dem Stab 333 der Direktion 2 – Sachbereich Beschwerden – meldet sich zu Wort und läßt mich wissen, dass ab jetzt er federführend mein Anliegen bearbeite.

6. September 15Uhr55: Ich weise W. freundlich darauf hin, dass ich gar keine Beschwerde führe, sondern lediglich auf Antworten auf simple Fragen hoffe und bitte ihn bis 9 Uhr des Folgetages um die Benennung eines sachkompetenten Ansprechpartners – wahlweise auch um Beantwortung meiner einfachen Fragen. W. kann ja nix dafür, dass er ins Feld geschickt wird. Der arme Mann ist weisungsgebunden. W. entscheidet sich genau wie Janine zuvor, ab nun „Toter Mann“ zu spielen.

7. September, 9Uhr1: Ich wende mich erneut an die Polizeipräsidentin in Berlin und stelle in meinem letzten Satz die Behauptung auf:

Es kann nicht sein, dass die Hauptstadtpolizei wochenlang keine Antwort darauf findet, wie der Sachstand in Bezug auf eine amtliche Verlustmeldung ist.

Einem spontanen Impuls folgend, schicke ich die Frage hinterher:

Oder kann es das doch?

Eine weitere Frage. Eine, die bis zur Stunde ebenfalls noch unbeantwortet ist.

7. September, 10Uhr36: Meine Recherchen haben zu dem Ergebnis geführt, dass unzweifelhaft zu keinem Zeitpunkt seit dem 24. August d. J. ein Schreiben der Berliner Polizei unter der von Janine genannten Adresse eingegangen ist.

Der Verbleib meines Personalausweises ist auch nach über zwei Wochen noch ungeklärt.

Eine amtliche Verlustmeldung ist seitens der Berliner Polizei offenbar noch nicht erfolgt. Genausowenig hat die Berliner Polizei mir eine Verlustbescheinigung zukommen lassen.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, kommt schnell zu dem Schluß, dass es nicht gänzlich unwahrscheinlich ist, dass mein armer Personalausweis sich noch irgendwo im Kompetenzbereich von Frau Dr. Slowik befindet. Offenbar unauffindbar.

Mein Vertrauen in die Hauptstadtpolizei stärkt das nicht. Ob es gänzlich zerstört werden wird, werden die nächsten Tage zeigen.

Für eine Stellungnahme war Frau Dr. Slowik heute vormittag nicht erreichbar. Der – seinen eigenen Ausführungen zufolge ja seit gestern – federführende Kommissar W. ebenfalls nicht. Auch nicht Janine. Niemand, der in der Berliner Polizei seinen hoheitlichen Aufgaben nachgeht. Oder wenigstens nachgehen sollte.

Honi soit qui mal y pense.

Stay tuned.

©2018 für Text- und Bildbeiträge (soweit nicht anders angegeben): Dieter Röseler – alle Rechte vorbehalten.