Deutschland 5Uhr30 – #d5h30 | Einführung von Eusebius Wirdeier, DGPh

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Ein Menschenfotograf…

… sei er, sagte Dieter Röseler bei unserem ersten Treffen, und das ist er tatsächlich. Aber durch die Aufgabenstellung des Fotowettbewerbs „Chargesheimer Reloaded“, den die Internationale Photoszene Köln 2014 ausgelobt hatte, kam Röseler dazu, auch Gebäude und städtebauliche Situationen aufzunehmen. Und zwar frühmorgens, gegen 5 Uhr 30. Röseler war unter den Gewinnern des Wettbewerbs. Drei seiner Arbeiten wurden von der Jury ausgewählt und zur Eröffnung des PhotoBuchMuseums am 19. August 2014 im Carlswerk in Köln-Mülheim ausgestellt und in einem Katalogbuch publiziert.

Aus diesem Kontext und aus seiner Wertschätzung für Chargesheimer heraus entstand dann seine Idee, ein Fotoprojekt „Deutschland 5 Uhr 30“ zu starten, in dem es um bestimmte Orte, Plätze, Baulichkeiten in Deutschland geht, die eine geschichtliche Bedeutung und/oder signifikante Geschichten haben – und sich fotografisch aufnehmen lassen. Und dabei übernimmt Dieter Röseler Chargesheimers Vorgaben Schwarzweiß, Hochformat und starkes Weitwinkelobjektiv, diziplinierter, als es der Wettbewerb „Chargesheimer reloaded“ gefordert hatte, denn da war fast alles erlaubt: auch Farbe, Querformat und variable Brennweiten. 

Inzwischen sind mehr als 1.000 Fotografien entstanden und Dieter Röseler bezeichnet sie mit dem schönen alten Wort „Lichtbilder“. Davon sehen wir hier 31 als großformatige Abzüge. 

Es sind nachdenkliche und nachdenklich machende Lichtbilder, hochformatig, schwarzweiß und in der digitalen „Dunkelkammer“ stark bearbeitet, so dass eine gewisse Dramatik ins Bild kommt, die für noch größere Attraktion sorgt. Wolfgang Zurborn hat dafür den treffenden Begriff „Neo-magischer Realismus“ gefunden – und wir erinnern uns dabei an die Malerei von Franz Radziwill oder Heinrich-Maria Davringhausen, die in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts mit ’Magischer Realismus’ bezeichnet wurde.

Röselers kräftige, dunkle Bilder sind menschenleere Stadtlandschaften und merkwürdige Landschaftsbilder, denen wir uns – durch den Ausstellungstitel eingestimmt – nicht mehr ganz arglos nähern und dann durch textliche Hinweise und erneutes Betrachten zu manchem Aha-Erlebnis getrieben werden, beispielsweise, wenn wir endlich sehen, wie dieser und jener geschichtsbehaftete Ort aussieht.

Dieter Röseler versteht diese Werkreihe einerseits als Hommage an Chargesheimer und sein letztes, 1970 erschienenes Buch „Köln 5 Uhr 30“ – andererseits widmet er sie dem Deutschen Volk. Und zwar zum 25. Tag der deutschen Einheit, der morgen – am 3. Oktober 2015 – gefeiert wird.

Jahrzehntelang war der 17. Juni der Tag der Deutschen Einheit, an dem des Volksaufstands in der „Deutschen demokratischen Republik“ von 1953 gedacht wurde.

Seit 1990 ist der 3. Oktober deutscher Nationalfeiertag – und ich stocke beim Aussprechen dieses Wortes, denn es fällt mir auch 70 Jahre nach dem Ende der dunklen Zeit des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkriegs immer noch schwer, Nationales zu feiern, besonders in Deutschland.

Dieter Röselers Methode, zu seinen Bildern zu kommen, ist folgende: Er geht der deutschen Geschichte der letzten 25 Jahre und den Geschichten, die damit zusammenhängen, nach, bereist dafür die 16 Bundesländer der Republik – und sucht entsprechende Orte und Schauplätze auf.

Dann kommt etwas ins Spiel, was ich hier als „Die Einübung des Tatsachenblicks“ bezeichnen möchte. Eigentlich ist das ein Buchtitel des Sozialwissenschaftlers Wolfgang Bonß. Ich möchte diesen Titel für die Fotografie Dieter Röselers in Anspruch nehmen – weil das wie eine programmatische Anleitung zur Dokumentarfotografie anmutet – und sehr gut zu Röselers Lichtbildern passt, der geschichtsträchtige Orte aufsucht und dann den Tatsachenblick einübt.

Wenn ich beispielsweise die Aufnahme vom Treppenzugang  zu den Bahnsteigen 3 und 4 im Bahnhof von Bad Kleinen ansehe, fällt mir auf, was auch Dieter Röseler bei der Aufnahme aufgefallen sein wird. Er sucht einen Tatort von 1993 22 Jahre später auf und lässt dann seine Gegebenheiten sprechen. Dass nämlich links der Treppe ein Schild zu sehen ist, auf dem Gleis 3 minus 4 steht und rechts vom Aufgang ein Schild mit der Angabe Gleise 3 plus 4. Wenn wir in dieses Bild hineingehen und auch die textlichen Informationen, die uns dazu angeboten werden, aufnehmen, können wir zu verstehen versuchen, warum es dort 1993 bei dem Versuch, 3 RAF-Mitglieder durch insgesamt 97 Beamte festnehmen zu lassen, zu einem schrecklichen Ereignis kam. Ich will dem Bild nicht unbedingt entnehmen, dass die verwirrende Beschilderung dort zwei Todesopfer gefordert hat, aber aufgrund der Informationen, die Röselers Blick uns mit seinen Lichtbildern liefert, kann unsere Reflektion neu ansetzen und eine Situation neu hinterfragen. 

Es gibt mehrere solcher „Tatorte“ in Röselers Werkreihe – und viele andere Orte, die auf angenehme oder unangenehme Weise mit der deutschen Geschichte der vergangenen 25 Jahre zu tun haben.

Da ist zum Beispiel Röselers Lichtbild für das Jahr 2000, in dem er uns in „Blühende Landschaften“ führt – eine im Bildtitel zitierte Versprechung des Einheits- Bundeskanzlers Helmut Kohl aus dem Jahr 1990. Das „Blaue Wunder“, das dort hinter einer wildkrautbestandenen Brache stehengeblieben ist, war einst das größte, renommierteste und modernste Rechenzentrum der DDR. Und das „Blaue“ wurde von den Trabi-blauen Kacheln seiner Fassadenverkleidung abgeleitet.   

Oder die Aufnahme für 2007: Im Morgengrauen steht das Grand Hotel Heiligendamm in Bad Doberan, vor dem ein unbekannter Autor die provokante Frage „HABT IHR NOCH SEX ODER GOLFT IHR SCHON?“ undatiert auf dem Asphalt der Strandpromenade hinterlassen hat. Hier fand vom 6. bis zum 8. Juni 2007 der G8-Gipfel statt, begleitet von gigantischen Absperr- und energischen Protesthandlungen.

Dieter Röseler bringt uns auch an jene Orte, die seit der Wiedervereinigung durch menschenfeindliche und rassistische Taten aufgefallen sind: Das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen, die Untere Wernerstraße in Solingen, die Keupstraße in Köln-Mülheim. Ich finde es heute ganz wichtig, dass man die Erinnerung an diese Taten wach hält und nicht dem Vergessen preisgibt!

Nun komme ich noch einmal auf die „Die Einübung des Tatsachenblicks“ zurück. Wolfgang Bonß’ Buch ist 1982 bei Suhrkamp in Frankfurt am Main erschienen, und ich fand es vor einigen Wochen bei einem Antiquar in 07806 Neustadt an der Orla. Das liegt im Osten von Thüringen, wo ich es per Internet zu einem günstigen Preis bestellen und mir per Post nach Köln senden lassen konnte. Das wäre ohne die Deutsche Einheit und ohne die Wiedervereinigung vor 25 Jahren schwer möglich gewesen.

Diese können wir nun feiern – wenn wir wollen – und die Lichtbilder von Dieter Röseler auch, denn die führen uns bei all ihrer Dunkelheit erhellend und bereichernd 25 Jahre zurück bis an den Anfang der Wiedervereinigung in den 1990er-Jahren.

Herr Röseler, schönen Dank! Ich wünsche Ihnen Ausdauer und Kraft, um dieses Projekt zu einem guten Ende zu bringen.

(Zum Publikum): Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Eusebius Wirdeier

***

Dieter Röseler

Deutschland 5 Uhr 30

Ausstellung in der Galerie Lichtblick

3.–25. 10. 2015

Galerie Lichtblick
Steinbergerstraße 21
50733 Köln
Tel: 0221-729149
lichtblick@web.de  
http://www.lichtblicknet.com/

Öffnungszeiten: Fr 19–21 Uhr, Sa+So 14–18 Uhr

 

Es gilt das gesprochene Wort!

In dieser Korrekturfassung sind auch die bei meiner Rede frei eingeflossenen Gedanken weitgehend eingearbeitet.

7.311 Zeichen inklusive Leerzeichen

17. September bis 5. Oktober 2015

© Eusebius Wirdeier, DGPh

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