Ich sehe was, was du nicht siehst – Fotografische Ansichten

Gemeinschaftsausstellung | 27. Januar – 27. Februar 2019 | Schloßstr. 16a | 51429 Bergisch Gladbach | geöffnet täglich außer montags 15 – 18Uhr30

Dieter Röseler zeigt in dieser Ausstellung erstmals in Bergisch Gladbach Exzerpte seines Langzeitprojekts Deutschland 5Uhr30 – #d5h30, eine fotografische Bestandsaufnahme des wiedervereinigten Deutschlands.

Jeder der 16 gezeigten Erinnerungsorte ist einem bestimmten Jahr zugeordnet. Diese Internet-Seite bietet ausgewählte Zitate zur besseren und tieferen räumlichen und inhaltlichen Verortung dieser Schau-Plätze – der Hängung der Arbeiten von links nach rechts folgend – und erweitert somit das optisch-sinnliche Ausstellungs-Erlebnis auf einer sachlich-informativen Ebene.


„Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“ – Exzerpte 1-8 in der Gemeinschaftsausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst – Fotografische Ansichten“

2009 | Aachen | Pastorplatz 1

„Annelies Marie „Anne“ Frank (* 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main als Anneliese Marie Frank; † Februar oder Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen) war ein deutsch-jüdisches Mädchen, das 1934 mit seinen Eltern und seiner Schwester Margot in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, und kurz vor dem Kriegsende dem nationalsozialistischen Holocaust zum Opfer fiel. In den Niederlanden hatte sie ab Juli 1942 mit ihrer Familie in einem versteckten Hinterhaus in Amsterdam gelebt. In diesem Versteck hielt Anne Frank ihre Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch fest, das nach dem Krieg als Tagebuch der Anne Frank von ihrem Vater Otto Frank veröffentlicht wurde.

Das Tagebuch der Anne Frank gilt als ein historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust und die Autorin Anne Frank als Symbolfigur gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes in der Zeit des Nationalsozialismus. […]“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Frank)


Stolperstein für Anne Frank

In Aachen wird der Kölner Künstler Gunter Demnig im Juni 14 weitere „Stolpersteine“ als Erinnerung an Opfer der NS-Zeit verlegen. Darunter sei auch einer für Anne Frank (1929 – 1945), deren Tagebuch nach dem Krieg veröffentlicht wurde, wie die Stadt Aachen am Donnerstag mitteilte. […]

„Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“,

begründet Demnig sein Projekt. Bundesweit wurden bislang an 300 Orten rund 17.000 Steine verlegt.“


Aachener Nachrichten vom 7. Mai 2009


„Am 15. April erfolgte die Übergabe des neutralisierten Gebietes, auf dem sich noch rund 60.000 ausgezehrte Häftlinge befanden. Die Befreier fanden zahlreiche unbestattete Leichen und zum Skelett abgemagerte, todkranke Menschen vor. Bergen-Belsen wurde daher zum „Symbol für die schlimmsten Gräuel und die unmenschliche Barbarei des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems“, insbesondere in Großbritannien, dessen Truppen es befreiten und die Rettungsmaßnahmen für die Überlebenden einleiteten.

Der britische Militärarzt Hugh Llewelyn Glyn Hughes, später Leiter der Rettungs- und Rehabilitierungsmaßnahmen, schrieb:

„Kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes hinreichend wiedergeben… An zahlreichen Stellen waren die Leichen zu Stapeln von unterschiedlicher Höhe aufgeschichtet… Überall im Lager lagen verwesende menschliche Körper… [Die Baracken] waren überfüllt mit Gefangenen in allen Stadien der Auszehrung und der Krankheit.““

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Bergen-Belsen)


1990 | Berlin | Brandenburger Tor

„Wie alle Symbole verweisen auch die nationalen Symbole über sich selbst hinaus auf etwas anderes. Durch sie wird jeder Staat für seine Menschen wahrnehmbar. […]


Das Symbol Brandenburger Tor
Allen Symbolen ist gemeinsam, dass sie über sich hinausweisen. Das Brandenburger Tor etwa war bei seiner Errichtung nichts anderes als der westliche Abschluss der damaligen Residenzstadt Berlin. Später war es prononcierter Bau an der berüchtigten Mauer, ein Tor, das seiner Aufgabe, Durchlass zu gewähren, vollends beraubt war und einsam und sinnlos auf einem nahezu freien Platz stand. In diesem historischen Kontext konnte das Tor mehr versinnbildlichen als das Gebäude für sich darzustellen vermocht hätte. Symbole entstehen oft aus (politischen) Handlungen heraus und werden in solchen benutzt. So durfte der mittlere Torbogen des Brandenburger Tores ehedem nur vom Kaiser durchfahren werden. Eben deswegen führte am 1. Januar 1933 der Fackelzug der SA durch diesen Torbogen: Es war Demonstration der frisch errungenen Macht und gleichzeitig des Anspruchs auf nationale Kontinuität. So war es denn kein Zufall, dass US-Prädident Reagan 1987 genau gegenüber diesem Tor die Forderung erhob, die Mauer niederzureißen. Heute findet sich das Brandenburger Tor zum Beispiel auf den kleineren Euromünzen deutscher Prägung.“
Dr. Elmar Elling am 29. Dezember 2005 für die Bundeszentrale für politische Bildung


2005 | Bremen | „Denkort“ Bunker Valentin

„Der U-Boot-Bunker Valentin, häufig auch U-Boot-Bunker Farge genannt, ist ein im heutigen Bremer Ortsteil Rekum – damals Farge-Rekum – an der Weser gelegenes Bauwerk, das während des Zweiten Weltkrieges von 1943 bis März 1945 unter Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet wurde, wobei Tausende ums Leben kamen. In dem U-Boot-Bunker sollten U-Boote des Typs XXI in Sektionsbauweise gebaut werden. Es handelte sich um das größte Rüstungsprojekt der Kriegsmarine. Der Bunker wurde zu etwa 95 Prozent fertiggestellt; auf Grund des Kriegsverlaufes konnte der geplante Bau der Typ-XXI-Boote nicht mehr aufgenommen werden.

Der Bunker ist gemessen an der Grundfläche (35.375 m²) der größte freistehende Bunker in Deutschland und nach der U-Boot-Reparaturwerft Brest in Frankreich der zweitgrößte in Europa . Verbaut wurden eine Million Tonnen Kies und Sand, 132.000 Tonnen Zement und 20.000 Tonnen Stahl.

Ein Teil des Bunkers wurde von 1960 bis Ende 2010 von der Bundeswehr als Teildepot des Wilhelmshavener Marinematerialdepots 2 genutzt. Zwischen Mai 2011 und November 2015 wurde dieser Teil zu einer Gedenkstätte mit Besucherzentrum umgebaut. Dazu investierten der Bund und das Land Bremen jeweils 1,9 Millionen Euro. Am 8. November 2015 wurde die Gedenkstätte als Denkort Bunker Valentin eröffnet. Begehbar ist der Teil des Bunkers, der von der Bundesmarine als Depot genutzt wurde. Der zerstörte Teil des Bunkers ist seit Ende der Umbauarbeiten in einem Tunnel einsehbar. Der Rest der Ruine ist aus Sicherheitsgründen gesperrt.“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-Bunker_Valentin)


2014 | Potsdam | Schloss Sanssouci bei Nacht (nach dem 23. August 1994 fotografiert)

Bundesverfassungsgericht nimmt Verfassungsbeschwerde nicht an

„Können Fotografen in großen öffentlichen Parks wie Sanssouci Gebäude ohne Genehmigung fotografieren und diese in Bilddatenbanken zum Vertrieb anbieten? Der Bundesgerichtshof hatte diese Frage nach einem jahrelangen Rechststreit im Jahr 2013 in letzter Instanz verneint. Daraufhin wurde beim Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde gegen das höchstrichterliche Urteil eingereicht. Diese Beschwerde wurde mit Entscheidung vom 28. August 2014 abgelehnt, wie jetzt bekannt wurde. Da dieser „Nichtannahmebeschluss“, wie es im Verfassungsrecht heißt, nicht begründet wird, kann daraus kein genereller Rückschluss auf die generelle Meinung des Bundesverfassungsgerichts in dieser Frage gezogen werden. Vielmehr kann die Ablehnung auch durch die ganz konkrete Fallkonstellation begründet sein.

Für Fotografen bedeutet die (Nicht-)Entscheidung allerdings schon, dass sie bei Aufnahmen von Gebäuden und Denkmälern in öffentlichen Parks oder entsprechendem Gelände nicht mehr von Panoramafreiheit und freier Fotografie ausgehen dürfen. Nur noch von eindeutig öffentlichem Straßenland aus sind damit Aufnahmen (beziehungsweise vor allem Veröffentlichungen dieser Aufnahmen) risikolos möglich. 

Im konkreten Fall ging es um die Fotoagentur OSTKREUZ sowie einige Fotografen, gegen die Ansprüche auf Unterlassung und Auskunft von Seiten der staatlichen Schlösserstiftung erhoben wurden. Der DJV hatte die Betroffenen in den Verfahren zusammen mit anderen Verbänden unterstützt.“

Michael Hirschler am 19. September 2014 auf der Internetpräsenz des Deutschen Journalisten-Verbandes (djv.de)


1992 | Rostock-Lichtenhagen | Sonnenblumenhaus

„In der Nacht vom Samstag zum Sonntag räumen wir in Lichtenhagen auf. Das wird eine heisse Nacht.“

Ein Unbekannter Anrufer, am 19. August 1992 kommentarlos zitiert in der Rostocker Tageszeitung „Norddeutsche Neueste Nachrichten“


„[…] Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen waren die massivsten rassistisch motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges. […]“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen)


1993 | Bad Kleinen | Bahnhof

„Journalisten waren nicht für den katastrophalen Einsatz in Bad Kleinen verantwortlich, sie haben keine Tatortspuren verwischt oder verschwinden lassen und ich zumindest habe auch all die Rücktritte, die erfolgt sind, nie gefordert. Und dennoch habe ich mich durch diese Geschichte schuldig gemacht. Es wäre nur gut, wenn Journalisten häufiger erklärten, was sie falsch gemacht haben.“

Hans Leyendecker im Gespräch mit Cicero-Mitarbeiterin Petra Sorge am 24. Juni 2013

Die verstörenden Ereignisse während des Zugriffs auf die beiden RAF-Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld jährten sich am 27. Juni 2018 zum 25. Mal – Hans Leyendecker hat aufgrund seiner persönlichen Fehleinschätzung der Glaubwürdigkeit eines Informanten eine Spiegel-Titelgeschichte zu verantworten, die der Legendenbildung einer standrechtlichen Erschießung von Grams Vorschub leistete.


1991 | Düsseldorf | Villa Rohwedder

„Rohwedders Düsseldorfer Wohnhaus im Stadtteil Niederkassel war nur im Erdgeschoss mit Fenstern aus Panzerglas ausgestattet. Er erhielt Morddrohungen. Vier Tage vor dem Anschlag wandte sich Rohwedders Frau Hergard an die Polizei mit der Bitte um verstärkten Polizeischutz, der die Behörden nicht nachkamen.

Am Ostermontag, dem 1. April 1991, gegen 23:30 Uhr, wurde Rohwedder durch das Fenster im ersten Stock seines Wohnhauses mit dem ersten von drei Gewehrschüssen getötet. Der zweite Schuss verletzte seine Frau am Arm, der dritte traf ein Bücherregal. Die Schüsse wurden aus 63 Metern Entfernung abgegeben, aus einem Sturmgewehr vom Typ FN FAL im NATO-Standard-Kaliber 7,62 × 51 mm. Die Waffe war auch schon bei einem Anschlag der RAF auf die US-Botschaft im Schloss Deichmannsaue in Bonn am 13. Februar 1991 verwendet worden. Wenige Tage vor dem Attentat waren bei inhaftierten RAF-Terroristen Strategiepapiere gefunden worden, die neue Aktivitäten ankündigten. Am Tatort fanden sich drei Patronenhülsen, ein Plastikstuhl, ein Handtuch und ein Bekennerschreiben mit der Unterschrift Rote Armee Fraktion Kommando Ulrich Wessel. Der oder die Täter konnten nicht ermittelt werden. 1992 bekannte sich die RAF noch einmal zu dem Mord.

Haarspuren auf dem Handtuch am Tatort konnten durch eine im Jahr 2001 dank neuer Technik möglich gewordene DNA-Analyse laut Bundeskriminalamt „zweifelsfrei“ dem verstorbenen RAF-Mitglied Wolfgang Grams zugeordnet werden. Die Bundesanwaltschaft benannte Grams jedoch nicht als Tatverdächtigen, da sie dieses Indiz als nicht ausreichend bewertete.“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Detlev_Rohwedder#Ermordung)


„Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“ – Exzerpte 8-16 in der Gemeinschaftsausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst – Fotografische Ansichten“

2005 | Berlin | Holocaust-Mahnmal

„„ […] „Place of no meaning“, hat Eisenman den Ort einmal genannt und damit gleich allen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen, die befürchtet hatten, hier solle der Holocaust in einem monumentalen symbolischen Grabfeld verbildlicht werden. Die ersten Stelen zeigen, daß diese Sorge unbegründet war. Wer zwischen sie tritt, fühlt sich nicht wie auf einem Friedhof. Seltsam fern wirkt plötzlich die Stadt. Man ist allein in einem eigenartigen, nie gesehenen Labyrinth, zwischen dessen Stelen gerade einen Meter breite Pfade hindurchführen. 2 Meter 38 breit, 98 Zentimeter tief: Seit Daniel Libeskind die Höhe seines World-Trade-Center-Projekts auf 1776 Fuß – als Hommage an das Jahr der Unabhängigskeitserklärung – festlegte, wird man bei solchen krummen Zahlen mißtrauisch. Steckt eine Bedeutung auch in diesen Maßen? „Nein“, sagt Eisenman, „ich interessiere mich zwar für Kabbalistik, aber auch die Zahlen sind ohne Bedeutung.“ Auch Fragen nach Einflüssen seiner jüdischen Herkunft begegnet Eisenman mit dem Hinweis; er sei mit einem Tannenbaum aufgewachsen, sein zwölfjähriger Sohn besitze Osterhasen, und man müsse nicht Katholik sein, um eine Kirche zu bauen.

Es geht um die Stille des Ortes, die dadurch entstehe, daß nichts hier eine sichere Bedeutung habe. Das Stelenfeld ist ein weißer Fleck an einem Ort, der wie ein gebautes Geschichtsbuch aussieht. Er habe eines bei seinem Psychotherapeuten gelernt: „Du betrittst den Raum, und der Therapeut schweigt. Du mußt reden: The silence makes you speak.“ Dann soll das Stelenfeld sozusagen der Psychotherapeut der Deutschen sein? „Man kann den Effekt jedenfalls therapeutisch nennen. Sogar wenn hier Sprayer kommen, ist das gut“, sagt Eisenman. Er möchte seinen Stelenpark als Ort der Sichtbarmachung von Fragen verstanden wissen, mit einer bewußt stummen Architektur Fragen provozieren, was leider in der deutschen Architektur kaum mehr gemacht werde.

[…] Was Libeskind im Maßstab des Hauses gelang, will Eisenman im städtischen Maßstab erreichen. Er glaubt an die Wirkung des Erhabenen, er zitiert Caspar David Friedrich, er spricht von der „strangeness“ als Qualität des Stelenfeldes: ein fremdes, unauflösbares Fragezeichen im Herzen der Stadt.

Die Fremdheit, der Störton im Stadtbild, das große, die Implosion der Bedeutung sind Motive, mit denen sich der 1932 in New Jersey geborene Architekt seit seinen Anfängen beschäftigt. […]

Nirgendwo in Berlin wurde die Geschichte so massiv aus dem Stadtbild gedrängt wie hier, wo der Todesstreifen überbaut wurde, wo Goebbels Bunker unsichtbar unter der Erde schlummert. Verdrängung ist nicht nur ein psychologisches, sondern auch ein urbanistisches Phänomen: Am Brandenburger Tor zeigt sich das neue Berlin im besten neohistorischen Glanz, ganz so, als hätte es weder Hitler noch eine DDR gegeben. Die Zeit wurde von den Stadtideologen optisch weitmöglichst zurückgedreht – vielleicht wirken deswegen schon die ersten Stelen in ihrer stummen Radikalität wie ein Sprengsatz.

Am teuersten Bauplatz der Stadt setzt die Semantik der Metropole aus: Hier kann man nicht einkaufen, hier steht kein Regierungsgebäude, kein Park, kein klassisches Denkmal. Die Stelen bilden eine sperrige kleine Gegenstadt mit gleichförmigen Bauten ohne Eingänge, ohne Fenster, ohne Bedeutung. Sie sind nicht formlos, aber ihre Form bedeutet nichts, erinnert an nichts: Es ist diese Stummheit der Form, die eine beklemmende Atmosphäre erzeugt und der Erinnerung, den Fragen, der Spurensuche einen Weg bahnen soll.

[…] Wenn er sich ein Jahrzehnt hätte aussuchen können, sagt er, ohne daß jemand danach gefragt hätte, dann hätte er „am liebsten von 1923 bis 1933 in Berlin gelebt und nur am zweitliebsten von 1967 bis 1977 in New York“. Dann kommt ein Bagger und schiebt Sand auf für eine Stele, genau dort, wo einmal der Todesstreifen war.“
Niklas Maak am 16. August 2003 in der FAZ


2016 | Berlin | Breitscheidplatz

„22. Dezember 2016, 18:54 Uhr

Die Behörden hätten Amri packen können

[…]
Anis Amri war ein Gefährder, er ist aber nicht wie ein Gefährder behandelt worden. Die Behörden ließen den Mann, von dem bekannt war, dass er sich Waffen beschaffen wollte, gewähren – bis er offenbar untertauchte und dann, wie es aussieht, zum Attentäter wurde.

Anis Amri war ausreisepflichtig, hatte aber eine Duldung, weil die zur Abschiebung nötigen Papiere noch nicht vorlagen. Eine solche Duldung ist auf das Bundesland beschränkt, in Amris Fall war das Nordrhein-Westfalen. Trotzdem hielt sich der Mann, wie die Behörden wussten, oft in Berlin auf. Ihnen war, wie gesagt, bekannt, dass der Mann sich Waffen beschaffen wollte. Es hätte eine Abschiebungsanordnung nach Paragraf 58 a Aufenthaltsgesetz erlassen werden müssen, „zur Abwehr einer besonderen Gefahr für die Sicherheit“ samt striktesten Meldeauflagen bei der Polizei – am besten täglich!

So ist das im Gesetz vorgesehen. Überschrift: „Überwachung ausgewiesener Ausländer aus Gründen der inneren Sicherheit“. Der Aufenthalt Anis Amris wäre dann auf einen engen Bezirk, zulässig auch ein Stadtviertel, beschränkt gewesen. Der Verstoß gegen eine Meldepflicht und Aufenthaltbeschränkung ist eine Straftat, also kriminell; da können, zur Verteidigung der Rechtsordnung, Strafen ohne Bewährung verhängt werden. Das heißt: Man hätte den Mann dieser Straftat wegen in U-Haft nehmen und während der U-Haft die Papiere für die Abschiebung besorgen können. Das alles ist nicht geschehen. Warum nicht? Die Ausländerbehörde tat nichts; und die Strafverfolger kümmerten sich nicht darum, dass die Ausländerbehörde nichts tat.

Kann man Gefährder packen? Man kann, wenn man will.

Auch die Justiz nahm die Reiserei des Gefährders wie selbstverständlich hin. Überforderung? Oder haben Sicherheitsbehörden in dem Mann einen Informanten gesehen, einen, dessen Überwachung weitere Kontakte erschließt? Haben die Behörden das Risiko Amri in Kauf genommen, weil man sich von seiner Überwachung Erkenntnisse erhoffte? Und hat die überwachende Behörde anderen Behörden nichts gesagt, weil man die Erkenntnisse für sich haben wollte? Solche Behördenrivalitäten kennt man aus der Geschichte des NSU.

Die Schilderung des nicht genutzten Instrumentariums ist wichtig, weil dies zeigt, dass man das Recht nicht auf den Kopf stellen muss, um Gefährder zu packen: Man kann, wenn man will. Und die geschilderten Paragrafen sind nicht die einzigen, die zu Gebote stehen. Die Abschiebehaft ist geschärft worden; diese Haft kann bis zu sechs Monate dauern, in Sonderfällen bis zu einem Jahr. Lasch ist das nicht. Das Recht ist scharf; man muss es anwenden.

Mit Flüchtlingsrecht hatte der Fall Amri (anders als die öffentliche Debatte das nahelegt) in den letzten Monaten nichts mehr zu tun. Das Flüchtlingsrecht hatte ordentlich funktioniert: Der Asylantrag des Mannes war ziemlich schnell abgelehnt worden, schon im Juni 2016. Seitdem gilt das allgemeine Ausländerrecht, seitdem aber reihen sich die Behörden-Fehler. Die Zupack-Instrumente des Ausländerrechts lagen da; die Behörden ließen sie ungenutzt.“

Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“


2006 | Köln | Denkmal der Grauen Busse

„Das Denkmal der Grauen Busse ist ein zweiteiliges Denkmal, das 2006 für die Opfer der Krankenmorde der nationalsozialistischen „Aktion T4“ (sogenannte „Euthanasie“) im Zentrum für Psychiatrie Weißenau (der ehemaligen „Heilanstalt Weißenau“) in Ravensburg errichtet wurde.
[…]
Das Denkmal ist „als Transportmittel der Erinnerung“ für die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus gedacht und soll sowohl Opfer als auch Täter und die Tat reflektieren. Es besteht aus zwei Betonbussen. Vorbild sind jene Omnibusse vom Typ Mercedes-Benz O 3750, die von der sogenannten „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ (Gekrat) eingesetzt wurden und mit denen 1940 und 1941 allein 691 Patienten aus Weißenau als „lebensunwertes Leben“ in die Vernichtungsanstalt Grafeneck deportiert wurden.

Dem Denkmal ist das Zitat

„Wohin bringt Ihr uns?“

eingeschrieben – die überlieferte Frage eines Mannes, der wie Tausend andere Patienten von den Gekrat-Bussen abgeholt wurde. In der Tötungsanstalt Grafeneck wurden im Jahr 1940 10.654 Männer, Frauen und Kinder aus psychiatrischen Kliniken systematisch getötet. Insgesamt wurden in Deutschland im Rahmen der „Aktion T4“ mehr als 70.000 psychisch kranke sowie geistig und körperlich behinderte Menschen ermordet.

Das Denkmal der Grauen Busse zielt auf gedankliche Auseinandersetzung, die keinen Schlussstrich zieht. Es soll an die Betrachter konkrete Fragen weitergeben und eine öffentliche Diskussion anregen. […] Einer der beiden begehbaren Betonbusse (jeder ist in Originalgröße, besteht aus vier Betonsegmenten und einer Stahlbetonbodenplatte mit einem Gesamtgewicht von 70 Tonnen; Gesamtmaße je Bus: 8,70 m Länge, 2,40 m Breite, 2,50 m Höhe) blockiert seit dem 6. November 2006 dauerhaft die „alte Pforte“ der ehemaligen Heilanstalt Ravensburg-Weißenau. […]

Ein zweiter, identischer Grauer Bus wechselt seine Standorte. Der Transport soll durch Spenden und öffentliche Gelder finanziert werden. Geplant war ursprünglich, dass sich der zweite Bus mit der Zeit entlang der historischen Wegstrecke bis nach Grafeneck bewegt.

Der Bus stand zunächst ab dem 27. Januar 2007 in der Ravensburger Nordstadt (vor der Gewerblichen Schule).

[…]

Ab dem 1. September 2011 stand der Betonbus in Köln am Rheinufer vor dem Landeshaus Köln, dem Hauptgebäude des Landschaftsverbandes Rheinland (als Rechtsnachfolger des Provinzialverbandes der Rheinprovinz).

[…]

Seit dem 28. Mai 2018 steht das Denkmal vor dem Schloss in Hadamar.“

Quelle: Deutsche Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Denkmal_der_Grauen_Busse)


Im September 2011 wurde das „Denkmal der grauen Busse“ als Symbol für die Opfer der so genannten „Euthanasie-Aktion T4“ am Deutzer LVR-Landeshaus errichtet; ein in Segmente aufgeschnittener, begehbarer grauer Bus, in Originalgröße aus Beton gegossen.

Nachdem das wandernde Mahnmal im April 2012 zu seiner nächsten Station weitergezogen war, errichtete man am gleichen Standort vor dem Landeshaus des LVR einen dauerhaft platzierten Nachguss. Dieser soll als Zeichen der dauerhaften Auseinandersetzung des Landschaftsverbands Rheinland mit seiner Psychiatrie-Geschichte, auch nach der NS-Zeit, dienen.
In Deutz erinnert der in der Nachfolge des Provinzialverbands Rheinland arbeitende LVR mit dem Denkmal an den Massenmord an fast 10.000 Psychiatriepatientinnen und -patienten aus dem Rheinland während des Nationalsozialismus. 1939 lebten im Rheinland knapp 24.000 Menschen in psychiatrischen Einrichtungen, davon fast die Hälfte in den sieben Heil- und Pflegeanstalten des Provinzialverbandes (vgl. insbesondere den Eintrag zur Anstalt Brauweiler).

„Ab dem 20. Mai 1940 verließen bis 13. März 1941 insgesamt 11 in grauer Tarnfarbe gestrichene Busse der Scheinorganisation Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft (GEKRAT) mit 691 Patienten die damalige Heilanstalt Weißenau, um die Fahrt nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb anzutreten. Insgesamt wurden in Grafeneck 10.654 Männer, Frauen und Kinder aus psychiatrischen Kliniken systematisch getötet.“ (dasdenkmaldergrauenbusse.de)

Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2013/2016


2011 | Geesthacht | Kernkraftwerk Krümmel

„Aufgrund eines Transformatorenbrands am 28. Juni 2007 befand es sich bis zum 19. Juni 2009 nicht im Leistungsbetrieb. Nach weiteren Zwischenfällen innerhalb von zwei Wochen nach Wiederanfahren kam es am 4. Juli 2009 zu einer Reaktorschnellabschaltung aufgrund einer Störung in einem Maschinentransformator. Seither befand sich das Kernkraftwerk Krümmel im Stillstandsbetrieb. Es wurde nach dem im Zuge der Nuklearkatastrophe von Fukushima von der deutschen Bundesregierung am 15. März 2011 verhängten dreimonatigen Atommoratoriums nicht wieder angefahren und endgültig stillgelegt.

Im Jahr 2010 sollte Ulrike Welte die Leitung des Kraftwerkes übernehmen. Sie wäre die erste Frau gewesen, die ein deutsches Kernkraftwerk leitet. Da die Kandidatin bei einem simulierten Störfall nicht wie vorgesehen den Reaktor nach 30–60 Minuten unter Kontrolle hatte, sondern auch nach zwei Stunden der Reaktor noch nicht in einem sicheren Zustand war, lehnte die schleswig-holsteinische Atomaufsicht sie als Leiterin ab.

Ende März 2011 sprachen sich im Landtag Schleswig-Holstein alle sechs Parteien für die endgültige Stilllegung aus; am 30. Mai 2011 gab die Bundesregierung bekannt, dass das Kernkraftwerk nicht wieder ans Netz gehen solle; dies wurde durch den Beschluss des deutschen Bundestages zum Atomausstieg vom 30. Juni 2011 legitimiert. Mit dem Inkrafttreten der 13. Novelle des Atomgesetzes (AtG) am 6. August 2011 erlosch die Berechtigung zum Leistungsbetrieb.

[…]

Vattenfall hat für Rückbau und Entsorgung Rückstellungen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro gebildet, den Rückbau zunächst aber nicht beantragt, da der Konzern für die Abschaltung des Kernkraftwerks eine Entschädigung fordert. Am 24. August 2015 wurde dann doch der Antrag für den Abbau des Atomkraftwerks Krümmel eingereicht. Dabei sollen 500.000 Tonnen teilweise hochgradig belasteter Beton und Stahl anfallen. Die abgebrannten Brennelemente werden bis 2035 in einem Zwischenlager am Standort bleiben. Am 25. August 2015 kündigte Vattenfall einen direkten Rückbau der Anlage an. Dieser soll nach Plänen des Konzerns frühestens 2018 beginnen und 15 bis 20 Jahre dauern.

Quelle: Deutsche Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Kr%C3%BCmmel#Die_letzten_Jahre)


1989 | Berlin | Bornholmer Straße – Bösebrücke

„Ich war kein Held. Helden waren die, die vor uns standen. Die konnten nicht wissen, wie wir reagieren. […] Die Staatsgrenze, wir wir sie damals bezeichneten, war ein sehr sensibler Bereich. Und da konnte man keine Faxen machen. Man konnte da auch keine Demonstration gebrauchen. […] zum Glück ist […] niemand verletzt worden. Man stelle sich vor, wenn Panik ausgebrochen wäre, wenn Personen ohne unser Zutun verletzt worden oder in Ohnmacht gefallen wären… die Menschen wären über sie hinweg getrampelt. Und dann hätte es wahrscheinlich Tote gegeben. […] Dann wäre ich heute in den Augen vieler Menschen der Verbrecher.“

Harald Jäger (bis 1990 Oberstleutnant der dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellten Passkontrolleinheit) widersetzte sich als Diensthabender Leiter der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße am 9. November 1989 den Befehlen seines direkten Vorgesetzten Stasi-Oberst Rudi Ziegenhorn und befahl gegen 23Uhr30 als Erster, die Passkontrollen einzustellen und seine DDR-Mitbürger ungehindert ausreisen zu lassen. Somit ist Jäger der Mann, der faktisch die Berliner Mauer öffnete. Binnen 45 Minuten gelangten über seine GÜSt Bornholmer Straße schätzungsweise 20.000 Menschen nach West-Berlin


1993 | Solingen | Baulücke Untere Wernerstraße

„[…] In der Unteren Wernerstraße Nr. 81 erinnern nur noch ein paar Kellerstufen an das Haus der Familie Genç. Ein grüner Drahtzaun steht davor, am linken Ende davon steht ein Gedenkstein mit der Inschrift „An dieser Stelle starben als Opfer eines rassistischen Brandanschlags Gürsün Ince, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç“. 1998 hat die Stadt gemeinsam mit dem Verein „SOS Rassismus“ Terrassen angelegt und darauf auf Wunsch der Familie Genç fünf junge Kastanien gepflanzt. […]“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Brandanschlag_von_Solingen)


„Das Bewegendste ist für mich die Haltung der Familie Genç. Da war kein Hass, kein Abschied, sondern stets der Ruf nach Versöhnung zwischen den Menschen und den Völkern. Das ist das positive Signal nach der schrecklichen Tat.“

Bundespräsident Johannes Rau am 29. Mai 2003 anläßlich des 10. Jahrestages des Mordanschlags von Solingen


1989 | Bad Homburg | Seedammweg

„Drei Basaltstelen erinnern seit 1996 an den Ort des Attentats. Zwei stehen auf der zum Kurpark gelegenen Seite.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“

steht auf der einen. Ein Satz von Ingeborg Bachmann, den Herrhausen häufig zitierte und den viele ihm schon selbst zuschrieben. Die zweite Säule trägt ein Zitat des Philosophen Karl Popper, in dem dieser vor dem Versuch warnt, den Himmel auf Erden zu verwirklichen – denn dieser verwandelt sie nur allzu leicht in eine Hölle. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite sind Datum und Uhrzeit in eine dritte Säule mit abgebrochener Spitze eingemeisselt.“

Bernhard Biener am 30. November 2009 anläßlich des 20. Jahrestages des RAF-Attentats auf Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“


1990 | Naturpark Bergisches Land | 150 Jahre „Kein schöner Land in dieser Zeit“

„Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (* 12. April 1803 in Waldbröl; † 23. März 1869 in Nachrodt bei Altena) war ein deutscher Heimatschriftsteller und Volksliedforscher. Er nannte sich selbst Wilhelm von Waldbrühl. […] Zuccalmaglio hatte schon in jungen Jahren zusammen mit seinem Bruder Vinzenz mit der Sammlung von Volksliedern begonnen, die er in seiner Heimat, dem Bergischen Land, gehört hatte. […]

Zwei Jahre später [1840] brachte Zuccalmaglio „als Fortsetzung des A. Kretzschmer’schen Werkes“ einen zweiten Band mit 382 Volksliedern heraus, die er selbst gesammelt hatte. Auf den Seiten 494–495 veröffentlichte er mit der Nr. 274 überschrieben als „Abendlied“ die Weise Kein schöner Land in dieser Zeit. […]“

Quelle: Deutsches Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Wilhelm_von_Zuccalmaglio)


„Kein schöner Land in dieser Zeit“ ist eines der gegenwärtig bekanntesten und beliebtesten Volkslieder. Populär wurde das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Abendlied im frühen 20. Jahrhundert durch die Jugend- und Singbewegung.

I. Unter dem Titel „Abendlied“ erschien „Kein schöner Land in dieser Zeit“ erstmals 1840 im zweiten Band der Sammlung „Deutsche Volkslieder mit ihren Singweisen“. […] der Herausgeber der Sammlung, Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1803–1869), hatte den Text – wie in einer Reihe weiterer Fälle – im Sinne eines romantischen Volksliedkonzeptes selbst geschrieben, dabei allerdings einige Anleihen bei älteren Liedern gemacht. Der Liedtext entfaltet in „Wir“-Form und unter Verwendung gängiger Topoi das Idealbild freundschaftlicher Zusammenkünfte an Sommerabenden in freier Natur, bei denen gemeinsam gesungen wird. Die Erfüllung der Hoffnung auf wiederholte (männliche) Sängerrunden unter gleichen Gegebenheiten wird Gottes Gnade anheim gestellt, und unter seinem Schutz soll auch die „gute Nacht“ stehen, die man in der abschließenden Strophe einander wünscht.

II. Weit mehr noch als dem Liedtext haftet der Melodie ein „Schein des Bekannten“ an, der einem musikästhetischen Konzept des späten 18. Jahrhunderts zufolge gelungene Lieder „im Volkston“ auszeichne. Zuccalmaglio griff in einzelnen Melodiepassagen auf unterschiedliche Vorbilder zurück, etwa die beiden älteren Liebeslieder „Ade, mein Schatz, ich muß nun fort“ und „Ich kann und mag nicht fröhlich sein“. Volksliedforscher des 19. Jahrhunderts standen solchen „Fälschungen“ weitgehend kritisch gegenüber. Doch fanden viele der stilisierten Volkslieder Zuccalmaglios eine breite Rezeption – wobei dies bei „Kein schöner Land“ erst im frühen 20. Jahrhundert der Fall ist – und zudem namhafte Fürsprecher unter Künstlern (u. a. Johannes Brahms).

III. Nach Veröffentlichung von „Kein schöner Land“ 1912 in einem Wandervogel-Liederbuch etablierte es sich rasch als Schlusslied, das Wandervögel […] am abendlichen Lagerfeuer sangen. Durch die Jugend- und Singbewegung wurde das Lied weiter verbreitet. Von da aus ging es in unzählige Gebrauchs-, Schul- und Chorliederbücher ein und fehlt bis heute in kaum einer Sammlung traditioneller Lieder. Eine sozialistische Umdichtung findet sich 1929 in einem Liederbuch der Arbeiterjugend. Aus der gleichen Zeit ist eine  Fassung überliefert, die auf evangelische Mädchen- und Frauenkreise zugeschnitten war. In dieser ist das Wort „Brüder“ durch „Schwestern“ ersetzt und in einer ergänzenden fünften Strophe wird das Leben und Sterben unter den Schutz Christi – im biblisch bezeugten Bild der Sonne – gestellt.

IV. Die enorme Popularität von „Kein schöner Land in dieser Zeit“ im 20. Jahrhundert lässt sich an einer Reihe weiterer Faktoren ablesen. So wurde das Lied z.B. in einigen Chorwerken adaptiert (Hans Lang: Kein schöner Land. Volksliederspiel für zweistimmigen Jugendchor, zwei Sprecher und 3–4 Instrumente, 1941; Otto Jochum: An die Heimat. Variationen-Suite über das Volkslied „Kein schöner Land“, op. 152). Zeitkritische Bearbeitungen haben u. a. der Liedermacher Dieter Süverkrüp („Ein schönes Land“, 1963) und 1980 die Folkrock-Gruppe Ougenweide vorgelegt. Das Liedincipit „Kein schöner Land“ hat sich verselbständigt und dient vielfach als Titel von Tonträgern und Liederbüchern sowie einer seit 1989 ausgestrahlten Fernsehserie, die Musiklandschaften porträtiert (Moderator: Günter Wewel). Darüber hinaus hat er – im Sinne einer Anspielung auf aktuelle deutsche Zustände und Befindlichkeiten – verschiedentlich als Sachbuchtitel Verwendung gefunden, etwa bei Emanuel Eckhart (Kein schöner Land. Ein deutscher Umweltaltlas, 1979) und Heribert Prantl (Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit, 2005).

WALTRAUD LINDER-BEROUD und TOBIAS WIDMAIER (November 2005 / Juni 2007) auf liederlexikon.de


1996 | Dachau | KZ-Gedenkstätte

„Im Mittelpunkt des Buches stehen nicht die Opfer, sondern die Täter, […] diejenigen, die als Mitglieder der Einsatzgruppen, der Polizeibataillone, des Wachpersonals in den Lagern und Ghettos, als Angehörige von Wehrmachteinheiten direkt an Tötungs- und Vernichtungsaktionen beteiligt waren. Ihre Zahl war viel größer als gemeinhin angenommen; der Autor schätzt sie auf mehrere hunderttausend. Es waren keine fanatischen SS-Leute, sondern freundliche Familienväter, gewöhnliche Deutsche, ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft. Und sie mordeten laut Goldhagen nicht, weil sie dazu gezwungen waren, nicht aus blindem Gehorsam oder Angst vor Bestrafung, sondern aus freien Stücken, eifrig und ohne jede moralische Skrupel.“

Volker Ulrich am 12. April 1996 in DIE ZEIT über Daniel Noah Goldhagens Buch „Hitler‘s Willing Executioners“ (Hitlers willige Vollstrecker)