#minnsche – Einführung von Prof. Klaus Honnef

#minnsche: Menschen und Menschenbilder

Blatt 53: Der Schauspieler S. T. | 6. September 2009 | Oberhausen

Das epochale Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ von August Sander lieferte dem Kölner Fotografen Dieter Röseler den unsichtbaren Rahmen für das eigene Projekt. Ein Jahrhundert später greift der jüngere Fotograf die Idee des älteren noch einmal auf, um dessen Anspruch gleichzeitig zu verdichten und erweitern sowie – ja: zu aktualisieren. Röseler nennt sein Unterfangen „Minnsche“ (Menschen) und fügt hinzu: „Die Inszenierung des Authentischen“. Damit steckt er theoretisch und praktisch das Feld ab, in dem sich seine Fotografie bewegt; eine Fotografie, die sich nicht darauf beschränkt, einfallslos die visuellen Konventionen zu bedienen noch die ästhetische Überlieferung kenntnislos auszublenden. Auch Sanders Mappenwerk bewegte sich im Rahmen früherer Bildkunst. Und auch er überschritt ihn. Darin bestand sein innovativer Anteil. Kunst ist daran zu erkennen, dass die Kunst die erste Referenz-Folie ist.

 

Blatt 25: Der Fotograf P. H. F. | 7. September 2014 | Köln

Was die beiden Bilderfolgen gemeinsam haben, ist die Gattung. Sowohl Sanders wie Röselers Bilder sind Porträts. Und genau an diesem Punkt entfalten sich die Unterschiede. Sanders Bildnisse gelten als Typenporträts. Bei all ́ der Fähigkeit des Fotografen zur Differenzierung. Röselers hingegen als Individualporträts. Unabhängig davon, dass er seine Modelle einer überindividuellen Nomenklatur zuordnet: einer abstrakten wie der Weltmeister, der Komödiant, der Mäzen, der Kunstkritiker… Röseler orientiert sich dennoch nicht an typologischen, sondern an charakterologischen Kriterien. Wobei sich bei genauerem Hinsehen nicht nur Vermischungen ergeben, sondern auch die Blicke der Betrachter über den Unterschied entscheiden. In seiner imponierenden Bilderreihe lösen sich sämtliche Porträtformate ab, seltener das von Sander bevorzugte Ganzkörperporträt. Als signifikanter Ausgleich zahlreiche Close ups, etliche Knie- und Sitzstücke, frontal und Profil, Innen und Außen. Insgesamt vitaler und zugewandter.

 

Blatt 68: Der Regisseur Dr. U. B. | 10. September 2009 | Mainz

In der Haltung der Modelle verrät sich die Differenz zwischen Typen- und Individualporträt. Letzteres knüpft an den Urtyp des Bildnisses an, das in der Renaissancemalerei aufkam und auf Unverwechselbarkeit abhebt. Es ist mit der Vorstellung und visuellen Profilierung der Menschen als handlungsmächtige und ihrer Selbst bewussten Subjekte verbunden. Dass damit nicht das Reich der Freiheit anbrach, vielmehr ein Netz überindividueller Faktoren es bis in die jeweilige Gegenwart ständig aufschob, ist seither Alltagserfahrung. Sander machte sein Bestreben durch einen scheinbar „objektiven“ fotografischen Stil sichtbar. Er setzte seine Modelle als Vertreter bestimmter Sozialschichten in Szene und ihren Vorstellungen vom autonomen Selbst Grenzen. Röseler wendet die umgekehrte Perspektive an. Sein „psychologischer“ Stil dokumentiert die unverkennbare Seite eines jeden Menschen und verlegt die Zeichen ihrer überindividuellen Abhängigkeit ins Innere, in die sichtbar werdende Vorstellung, die sie von sich haben.

 

Blatt 23: Der Kunstkritiker | 19. September 2014 | Köln

Das Ergebnis ist verblüffend und aufschlussreich. Sobald man Röselers Porträts mit dem Blick Sanders betrachtet und den sozialen Status der Porträtierten zu entschlüsseln versucht, wird offenbar, dass sich zwar einige seiner Modelle auf Anhieb als Repräsentanten des Staates identifi-zieren lassen und als Künstler oder Kunstaffine, der soziale Status der Übrigen indes schwerer zu ermitteln ist. Die einen geben sich offiziös und seriös, die anderen betont salopp und lässig. Kleidung und Körperhaltung senden die entsprechenden Signale aus. Zum visuellen Design trägt der Fotograf selbstverständlich das seine bei, indem er den Standort auswählt und die Beleuchtung, häufig auch den Hintergrund sowie natürlich den Bildausschnitt. Fotografisch erfasst er Lessings „fruchtbaren Augenblick“. Kleidung und ihre Haltung haben – soweit ich meine Erfahrung zugrunde lege – die Modelle beigetragen.

 

Blatt 16: Der Weltmeister | 18. März 2010 | Gelsenkirchen

Durch diese beiden Äußerungsformen tritt aber nicht allein das Individuelle, wenn auch sehr subtil, in Erscheinung, sondern ebenfalls jener feine soziale Zwang, der in Sanders Zeit noch gar nicht existierte und dem man sich meist unbewusst fügt. Es ist das Bild, das die Bilder den Menschen von sich vermitteln. Deren suggestive Kraft hat sich durch Fotografie, Film und Internet, die analogen und digitalen Massenmedien enorm verstärkt. Zugleich verwischen sich mit dem Verschwinden der statusgemäßen Kennmarken die Kriterien von Inszenierung und Authentizität. Denn auch die Authentizität ist ein spielerischer Ausdruck im Gesellschaftsverkehr. Warum sollte ein Weltmeister sich nicht als Philosoph darstellen? Auch das trennt Sanders von Röselers Bildern. Den Menschen ist der Umgang mit der Kamera in Fleisch und Blut übergegangen.

 

Blatt 55: Der Impresario und der Dorfbürgermeister | 18. April 2013 | Worpswede

Nichts desto trotz sollte man sich angesichts der einfühlsamen und prägnanten Porträts von Dieter Röseler vor schnellen Urteilen hüten. Wer ist in einem bezeichnenden Doppelbildnis „Impresario“ und wer „Dorfbürgermeister“? Ist der im formellen Anzug der Politiker, der in legerem Gewand der Impresario? Spontan und aufgrund meiner sozialpsychologischen Disposition würde ich einer solchen Interpretation zustimmen. Könnte es jedoch nicht ebenso sein, dass sich der eine formell gekleidet hat, um beim potentiellen Auftraggeber einen positiven Eindruck zu erwecken? Und überhaupt: Erfordern beide Funktionen im visuellen Zeitalter nicht die gleichen Fähigkeiten?

Blatt 96: Der Schauspieler P. L. | 27. November 2013 | Hamburg

 

Blatt 35: Die Kanzlerin | 25. Juli 2007 | Bayreuth

Die Allpräsenz der Kamera hat die Rolle von Modell und Betrachter verändert. Sie sind inzwischen identisch. Bloß wechseln sie ihre Rollen unaufhörlich. Analog hat sich auch ihre Einstellung gegenüber Kameraobjektiv und Bildergebnis verändert. Beide sind Mit-Schöpfer der Bilder. Physisch und geistig – also aktiv. In erheblich größerem Umfang als früher. Nur der Vergleich von Sanders und Röselers Bildern enthüllt die dramatische Kluft, so dass sie ins Auge sticht. Doch die Bilder des jüngeren Fotografen entfalten ebenfalls erst im Verbund ihre besondere Qualität. Gerade weil Dieter Röseler den Bezug wagt, erhebt sich seine Bilderreihe „Minnsche“ weit über eine Ansammlung großartiger fotografischer Individualporträts. Sie übersteigt Anlass und Resultat, hegt die psychologische Spekulation der Betrachter ein und erlaubt triftige Einsichten in das Selbstbild einer Gesellschaft, die sich ihrer Selbst nicht mehr sicher ist.