31. Dezember 2018: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Dieser Satz feiert im vor der Türe stehenden Jahr 2019 seinen 60. Geburtstag. Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann prägt ihn am 17. März 1959 während einer Rede im Bonner Bundeshaus. Seit 1973 ziert er ihren Grabstein auf dem Klagenfurter Zentralfriedhof Annabichl.

Bis zur halben Wegstrecke des Zeitstrahls seither in Richtung Gegenwart wird dieser Satz sehr gerne von Alfred Herrhausen zitiert. So gerne und häufig, dass so Mancher den Ursprung des Satzes schon diesem Ausnahmebanker und Querdenker der Bonner Republik zuschreibt.

Dieser brillante Mann war seiner Zeit in Vielem voraus: so bringt er bereits 1987 auf großer Bühne (während einer Tagung der Weltbank in Washington) einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer ins Gespräch – eine Idee, die zu seiner Zeit so unerhört, so undenkbar ist, dass er nicht selten dafür öffentlich angefeindet wird. Zum Beispiel vom Chef der Commerzbank, der ihm „unsolidarisches Verhalten“ gegenüber anderen Banken vorwirft. Und von seinem Nachfolger auf dem Sessel des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, „Peanuts“-Hilmar Kopper, der diesen Gedanken als „intellektuelle Bemerkung“ abtut. Zwölf Jahre später erst unterbreiten die G8-Staaten der Weltbank und dem IWF auf dem Kölner Gipfel einen auf Herrhausens Ideen basierenden Vorschlag. Diese wiederum verabschieden zur Jahrtausendwende diesen Vorschlag und setzen ihn seither im Rahmen der sogenannten HIPC-Initiative um.

Schon am 20. November 1989 – 11 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer – plädiert Herrhausen in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bereits für die deutsche Wiedervereinigung. Auf die pointierte Frage: „Reicht es Ihnen als Unternehmer und Banker nicht, wenn die DDR zuerst assoziiertes und später vielleicht einmal volles Mitglied der EG wird?“, antwortet er: „Als Banker und Unternehmer müßte ich damit wohl zufrieden sein. Ich würde als deutscher Staatsbürger bedauern, wenn wir auf Wiedervereinigung ein für allemal verzichten würden.“

10 Tage später verblutet Alfred Herrhausen infolge seiner Verletzungen. Unter bis heute nicht geklärten Umständen ist es der RAF am 30. November 1989 möglich, einen feigen Bombenanschlag auf ihn zu verüben. Obwohl es schon Wochen zuvor Hinweise gibt, dass ein Anschlag der Linksterroristen gegen Herrhausen geplant werde, wird das üblicherweise vorausfahrende Begleitfahrzeug an diesem Morgen kurz vorher abgezogen. Der angebliche Kronzeuge Siegfried Nonne bezichtigt Mitte 1992 hessische Verfassungsschützer, ihn mit kaum verhohlenen Morddrohungen zu einer Falschaussage genötigt zu haben. Dieser Vorwurf wird von Aussagen eines BKA-Mitarbeiters gestützt.

Exzerpt von „Deutschland 5Uhr30 – #d5h30“ | Hommage an Chargesheimers „Köln 5Uhr30“

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“, steht heute auch eingemeißelt auf einer der drei Gedenkstelen an Alfred Herrhausens Attentats- und Gedenkort.

Wie augenscheinlich schon 1992 vertritt das hessische Landesamt für Verfassungsschutz auch 2017 wieder die Antithese zum Titelsatz: ein interner Bericht in Bezug auf den NSU-Komplex wird mit einer Sperrfrist von sagenhaften 120 (in Worten: einhundertundzwanzig) Jahren belegt, wie u. A. Susanne Höll in der Süddeutschen Zeitung berichtet. Oberster Dienstherr der hessischen Verfassungsschützer ist von April 1999 bis August 2010 – also während aller vom NSU begangenen Morde – übrigens Volker Bouffier; seither Ministerpräsident Hessens.

Exzerpt der Werkreihe #minnsche

Ende 2018 schließlich erschüttert die Geschichte des vielfach preisgekrönten Blenders Claas Relotius die (Medienlandschaft der) Berliner Republik: die Story eines jungen geltungssüchtigen Mannes, dem es ein ganzes Jahrzehnt lang gelingt, fast allen namhaften deutschsprachigen Printmedien – allen voran dem Spiegel – erdichtete Scheinwelten als Realität zu verkaufen.

Spiegel-Impressum von Heft 52/2018

Die vornehmste Aufgabe d e s deutschen Investigativ-Magazins im kommenden Jahr dürfte sein, seiner Leserschaft zu erklären, wie und warum das so lange möglich war. Denn Ingeborg Bachmann hatte Recht, als sie sagte:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

In diesem Sinne: Ein Frohes, Gutes und Wahres Neues Jahr!


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29. Dezember 2018: Fichtners Fiasko

Der tiefe Fall des talentierten Herrn R.

Er kann stolz auf sich sein. Und er ist es auch, während er zärtlich das filigrane Türchen der Glasvitrine öffnet, in der die Auszeichnungen und Preise seiner Laufbahn ein beredtes, wenn auch stummes Zeugnis über seine außerordentliche Befähigung zu Höherem ablegen. Schon seit geraumer Zeit ist ihm das Polieren der funkelnden Kristall- und Edelmetallflächen am Wochenanfang ein liebgewonnenes und mit Hingabe zelebriertes Ritual. „Ihr seid der Spiegel meines Wirkens“, murmelt der Ausnahme-Journalist halblaut. Und selbstzufrieden. Nicht nur ob des gelungenen kleinen Wortspiels. Sondern vor Allem, weil der nächste Sprung seiner Bilderbuchkarriere unmittelbar bevorsteht. Er ahnt an diesem ungewöhnlich warmen Herbstmorgen noch nicht, welches Unwetter sich außerhalb seines Gesichtsfeldes zusammenbraut. Nicht im Geringsten. Ein Sturm, dessen Zerstörungskraft keinen Stein seines Lebens auf dem anderen wird stehenlassen.

So sieht der szenische Einstieg zu einer großen und preisverdächtigen Reportage aus. Seit Jahren schon. Frei und wortreich nach des Spiegel-Gründers Credo: „Sagen, was gefühlt, gedacht, gemurmelt sein worden könnte“. Statt kurz und knapp dem Original-Motto: „Sagen, was ist.“ folgend.

Eine Laune der Natur, dass dieser Auftakt-Akkord nicht nur das Porträt des Fälschers Claas-Hendrik Relotius einleiten kann, sondern auch genauso gut und (unzu)treffend die Hausmitteilung über den Einzug Ullrich Fichtners in die Chefredaktion an der Hamburger Ericusspitze? Wohl kaum. Das ist schlicht dem perfiden Zuspitzungscharakter des Autors geschuldet.

Keine Frage, im direkten Vergleich zu Mercedes-Benz 1997 („Ich bitte Sie – wegen einem umgekippten Auto geb‘ ich doch kein Interview!“) und Audi im Jahre 2000 (Das Fahrverhalten des Audi TT zeige „weder einen Mangel im Sinne der Gewährleistung noch einen Fehler im Sinne des Produkthaftungsrechts“. Kunden hätten demzufolge „grundsätzlich keinen Anspruch auf Rückkauf“) ist das Krisenmanagement des Hamburger Nachrichtenmagazins heuer weit vorne:

„Wir haben in den letzten Tagen versucht vor der Welle zu bleiben […] und uns nicht von Anderen vorführen zu lassen“, spricht Steffen Klusmann, der designierte Vorsitzende der Spiegel-Chefredaktion, am Erscheinungstag von Heft 52 am Samstag vor Weihnachten ins Tagesthemen-Mikrofon. Und auch der Gedanke, schon in dieser frühen Phase der Spiegel-Affäre 2.0 den sachlichen Dialog mit einem seriösen und über jeden Zweifel erhabenen Journalisten wie Giovanni di Lorenzo zu suchen, verdient Respekt. Und Achtung.

Der Bock wird zum Gärtner. Gemacht.

Dass nun aber gerade Klusmanns künftiger Chefredakteurs-Kollege Ullrich Fichtner verantwortlich zeichnen darf für das journalistische Machwerk, in dem der Hochstapler Relotius am 19. Dezember 2018 vor aller Welt enttarnt wird, hat einen rasch wahrnehmbaren und auch strengen Hautgout. Denn Fichtner war es, der als großer Förderer des jungen Superstars viel dazu beigetragen hat, den seinerzeit erst 26-jährigen Relotius seit 2011 immer enger an das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu binden. Pointierter formuliert: Fichtner hat dem Spiegel die Laus Relotius erst in den Pelz gesetzt.

Dass diese – sicher sehr schmerzhafte – Nabelschau im Gewand einer „Mischung aus Kulturreportage und Essay“ daherkommt, ist nicht minder verstörend, denn „das schön Geschriebene, das spannend Geschriebene“ sei „Teil dessen, was Ihnen jetzt im Fall Relotius vorgeworfen wird. Eine nüchterne Darstellung ohne Atmosphärisches hätte ich passender gefunden, und es hätte mich persönlich auch mehr vom Aufklärungswillen der Redaktion überzeugt.“, erläutert Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und spricht damit nicht nur Klartext, sondern auch mir aus der Seele. Da Ullrich Fichtner aber – aus welchen Gründen auch immer – das mehrheitliche „Placet“ seiner Redaktion für eine gefühlige Reportage bekommen hat, kann der gebürtige Oberfranke seinen gefallenen Engel auf sieben langen Seiten – zugegeben: rhetorisch brillant – mit jedem Satz ein wenig höher hängen. Und er tut es auch. Es wäre nur allzu menschlich, wenn blinde Wut und Enttäuschung über den Sündenfall des Claas-Hendrik Relotius Herrn Fichtner hierbei die Feder geführt hätten.

Eine auch nur halbwegs nachvollziehbare Erklärung dafür, wie und warum ein blutjunger Mann sieben lange Jahre nach Herzenslust Details und ganze Geschichten erfinden, mithin die laut aktuellem Impressum 62 Köpfe starke Dokumentation und 17 Schlußredakteure nachhaltig und dauerhaft hinters Licht führen konnte, bleibt er hingegen schuldig. Schade. Doppelt schade, denn dass es Hochstapler auf dieser Welt gibt, ist nicht wirklich eine neue Erkenntnis – die Antwort hingegen auf die Frage, wie es jemand zuwege gebracht haben mag, die legendären Sicherungssysteme des Spiegel nachhaltig jahrelang außer Kraft zu setzen, hätte durchaus einen gewissen Nachrichtenwert.

Die Einzeltäter-Theorie

„Wir haben es – man muss es glaub‘ ich so sagen – mit einem genialen Einzeltäter zu tun.“ So fränkelt Fichtner in Sonderfolge 62 des kostenpflichtigen Spiegel-Podcasts „Sagen, was ist.“ Das ist eine – mutmaßlich zum Schutze aller ehrlich arbeitenden Journalisten gut gemeinte – Tatsachenbehauptung. Eine, die in den restlichen 28 1/2 Minuten jedoch durch nichts gestützt wird. Was bedauerlicherweise dem Gedanken Vorschub leistet, dass die Einzeltäter-Theorie im vorliegenden Fall einen ähnlichen Wahrheitsgehalt haben könnte wie im NSU-Komplex.

Es ist ja keine schöne Geschichte“

Stattdessen ergeht sich der – wie Relotius auch mit vielen Preisen für seine Erzählkunst dekorierte – Fichtner in einer weiteren detailverliebt-gefühligen Schilderung: „Es ist ja keine schöne Geschichte, aber es hat Elemente von einem Film […] Wir verdanken es dann nach Juan Moreno Özlem Gezer, das ist die stellvertretende Leiterin des Gesellschafts-Ressorts, und ihrer Menschenkenntnis auch so’n bißchen, die in dem Moment, als sich die Hinweise immer weiter verdichten, einfach eines Abends sich ’n Auto mietet auf der Straße, zu Relotius vor die Tür fährt und sagt: „Claas, Du kommst jetzt hier runter oder ich komm‘ hoch – ich will jetzt wissen, was hier los ist.““ Wenn ich mich dieser mit einem sanften süddeutsch eingefärbtem Timbre überzogenen sonoren Erzähl-Stimme hingebe, entsteht sofort das Filmplakat vor meinem Inneren Auge, auf dem in großen Lettern prangt: Regie – Florian Henckel von Donnersmarck | Hauptdarsteller – Matthias Schweighöfer … und Drehbuch: Ullrich Fichtner.

Zwischenfazit

„Das System Claas R. bricht zusammen“, soll Fichtner lakonisch in einer SMS zum Thema mitgeteilt haben. Ich möchte hinzufügen: Der Spiegel hat nicht nur in den vergangenen sieben Jahren im Hinblick auf das Wirken des Betrügers Claas-Hendrik Relotius auf ganzer Linie mit all seinen hochgelobten und ebenso gefürchteten Sicherungssystemen versagt. Leider hat er auch beim ersten Anlauf der Aufarbeitung der Spiegel-Affäre 2.0 das Thema verfehlt. Sechs. Setzen. Und zügig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ob nun von Giovanni di Lorenzo, Stefan Aust oder Georg Mascolo ist einerlei.

Update

Vor viereinhalb Stunden hat ZEIT Online vermeldet, dass Ullrich Fichtner seinen noch nicht angetretenen Posten in der Chefredaktion zur Verfügung gestellt habe und Klusmann den Vertrag der durchaus verdienten Edelfeder aussetzen will. GUTE Entscheidung!!! Seit dem 19. Dezember ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ein allererster. Chapeau, Herr Klusmann. Weiter so! Bitte.


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