20. Juni 2019: Bedingt kommunikationsbereit

Die (noch) amtierende CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer war zu Wochenbeginn fünfter Gast in Reinhold Beckmanns neuer Radiosendung „NDR2 Life Sounds“.

Im Gepäck hatte sie den „Soundtrack ihres Lebens“. 20 Songs – und gleich mit dem ersten unterläuft ihr erneut ein Kommunikationsdesaster:

Hinter vorgehaltener Hand muß ich zugeben, dass auch in meinem Kinderzimmer der gleiche tief dunkle Fleck namens „Bay City Rollers Starschnitt“ an der Wand hing, mit dem ich seither zurechtkommen muß… In scharfem Kontrast zu AKK aber habe ich zum Einen die Gnade der späten Geburt – schließlich bin ich vier Jahre jünger – und zum Anderen stand ich seinerzeit unter dem unvorteilhaften Einfluß der ersten Influencerin meines Lebens (meiner älteren Schwester) – ich wurde quasi indoktriniert und habe damit zwei gute Ausreden für meine hochnotpeinliche Geschmacksverirrung. Unabhängig davon aber würde ich ohne Not öffentlich niemals meine erste Vinyl-Single „Yesterday’s Hero“ preisgeben. Sweets „Ballroom Blitz“ ist einfach um mehrere Spielklassen zeitloser. Und besser. Was treibt die Saarländerin, die in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen ist, nur an zu einem solchen Statement???

Zwei, drei Songs später pariert sie eine nickelige Interview-Fußangel Beckmanns souverän: „Erstmal find‘ ich’s gut, dass [Norbert Röttgen] so selbstkritisch unterwegs ist. …“

Schere im Kopf

Im weiteren Verlauf der Sendung äußert sich die 56-jährige Löwin dann zum heiklen Thema des Politiker-Sprechs. Lediglich bedingt selbstkritisch: „Wenn auf der einen Seite beklagt wird, Politiker würden so abgeschliffen und so ausgestanzt reden: das hat natürlich auch mit Lernprozessen zu tun. Weil, das… das geht mir selbst so: man gibt n Interview n man is eigentlich der Meinung: „Das Interview is ganz okay.“, dann sieht man am nächsten Morgen die Schlagzeile, die aus diesem Interview wird… und ab dem nächsten Interview redet man nur noch mit ner Schere im Kopf nach dem Motto: „Was könnte daraus gemacht werden?“ […] Das… das is nicht nur jetzt hier in Berlin passiert, das is ne… ne lange Lernkurve und das […] werden Ihnen viele andere Kolleginnen und Kollegen auch sagen.“

Statt Journalistinnen und Journalisten für ihre ganz persönliche Schere im Kopf in die Pflicht zu nehmen, könnte AKK auch ihre Selbstwahrnehmung auf den Prüfstand stellen. Denn unter Umständen – und ihre öffentlichen Äußerungen der jüngsten Vergangenheit lassen diese Variante nicht ganz unwahrscheinlich erscheinen – könnte sie selbst im Interview schlicht suboptimal agiert und reagiert haben. Zugegeben: für diese Handlungs-Option ist ein Mindestmaß an Selbstzweifel und auch Kritikfähigkeit unabdingbar.

Geprüft und sicher

Und das führt natürlich auf der einen Seite dazu, dass man sozusagen sich nur noch an die Formulierungen hält, die sozusagen geprüft und sicher sind, und führt auf der anderen Seite dazu, dass Alle sagen: „Mein Gott, […] jeder redet irgendwie das Gleiche; […] sinn immer die gleichen Formulierungen.“ Und das macht Politik so wenig authentisch. Und ich glaub‘, dieser Wunsch nach Authen[ti]zität, der is unwahrscheinlich ausgeprägt. Allerdings is sozusagen die Bereitschaft, wenn jemand authentisch unterwegs is‘, ihn dann auch in Grund und Boden zu stormen, auch ausgeprägt.“

Sie macht erneut dubiose „In-Grund-und-Boden-Stormerinnen“ und „-Stormer“ verantwortlich für die relativ durchgängige Abwesenheit von Politiker-Authentizität. Mathematisch betrachtet ist nach dieser Aussage der Umkehrschluß nicht nur zulässig, sondern unvermeidlich. Es ist davon auszugehen, dass Angela Merkels Nachfolgerin nach ihrer „langen Lernkurve“ sowohl im Hinblick auf ihre Regulierungs-Phantasien im Internet als auch bei ihrem Tweet zur Görlitzer Bürgermeisterwahl – ihrer Auffassung nach – geprüfte und sichere Formulierungen verwendete.

Miserere nostri, Domine – Erbarme dich unser, o Herr

Auf das sehr hohe Wellen schlagende Rezo-Video angesprochen erklärt Merkels Mädchen schließlich, dass sie sich in diesem Themenfeld nicht einmal mit ihrem Sohn, der ebenfalls CDU-Mitglied ist, besprochen habe. Hierfür kann es eine ganze Reihe von Gründen geben. Nach dem Sachstand ist hier eine bewußte Lüge auszuschließen – schließlich sollte auch für exponierte Politikerinnen und Politiker der Grundsatz „In dubio pro reo“ gelten (jedenfalls in einem Rechtsstaat). Als wahrscheinlichster Grund bleibt dann übrig, dass ihr jegliche Empathie für die Stimmungslage im Volk abgeht.

Das macht mir Angst. Und die parteiinternen Rufe nach dem Sauerländer sicher nicht leiser.

Das Fazit, das ich nach diesem Gespräch ziehe, ist: Entgegen ihrer Einschätzung: „Man muß n bißchen auf [Philipp Amthor] aufpassen, dass er nicht verheizt wird.“ muß man n bißchen auf sie aufpassen. Um Schaden von der ehemaligen Volks-Partei CDU abzuwenden. Auch, um Schaden von diesem unserem Land abzuwenden. Vor Allem aber, um weiteren Schaden von ihr selbst abzuwenden.

So lasst uns denn am heutigen Fronleichnams-Feiertag ein „Te Deum“ für die nur bedingt kommunikationsbereite gläubige Christin anstimmen.


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